Christentum + Buddhismus - Kreuzkirche Lüneburg

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Christentum + Buddhismus

Die Kreuzkirche > Vision
20.05.2018 Pfingsten  Pastor Skowron

EG 134, 1. Komm, o komm, Du Geist des Lebens,
wahrer Gott von Ewigkeit;
deine Kraft sei nicht vergebens,
sie erfüllt uns jederzeit,
so wird Geist und Licht und Schein
in dem dunklen Herzen sein.

2. Gib in unser Herz und Sinn
Weisheit, Rat, Verstand und Zucht,
dass wir anders nicht beginnen,
als nur, was dein Wille sucht;
dein Erkenntnis werde groß
und mach uns vom Irrtum los.

Liebe Gemeinde,
Sie kennen bestimmt solche Momente, in denen Sie am liebsten im Boden versinken möchten, damit niemand Sie erkennt. Es sind Momente, in denen Sie etwas Bestimmtes gesagt oder getan haben … und im nächsten Augenblick schämen Sie sich dafür. Oder es sind Momente, in denen andere nahestehende Menschen etwas Bestimmtes gesagt oder getan haben, für das Sie sich fremdschämen.

Mir liegt heute Morgen am Fremdschämen. Ich müsste jetzt im Boden versinken und verschwinden. Denn da gab es soeben christliche Worte, die gehen eigentlich gar nicht. Da packt mich ein Fremdschämen für ein uneinfühlsames Christentum. Können Sie sich denken, welche beiden Worte des Liederdichters Heinrich Held ich meine, die wir soeben gesungen haben? Worte, die sofort bei Menschen Unbehagen auslösen; Worte, die sofort daran erinnern, dass das Christentum meint: Der Mensch sei von grundauf schlecht. - Es geht mir um die Worte „dunkles Herz“.

Mit diesen Worten wird ein Förderband aus dem christlichen 17. Jahrhundert eingeschaltet, das in unsere Gegenwart die Abwertung des Menschen befördert: des Sünders, des moralischen Versagers, des tief im Wesen schlechten Menschen.

Und ich kann vor meinem geistigen Auge sehen, wie aufgeschlossene Zeitgenossen, die nicht zum inneren Zirkel von Kirche gehören, aufstöhnen und sich beklagen: Immer wieder wird man als Mensch bei der Kirche schlecht gemacht. Entweder bin ich ein Sünder oder ich habe ein dunkles Herz. Dieser Ausdruck „dunkles Herz“ ist keinen Deut besser ist als der Begriff Sünder. Warum wird der Mensch im Christentum scheinbar so negativ bewertet, dass das Trachten seines Herzens von jugendauf schlecht sei? Im ersten Buch Mose heißt es schon gleich in Kapitel 8 (1Mo 8,21): Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Das ist eine Behauptung, die jeden Menschen unter Verdacht stellt, es nicht gut zu meinen. Und hier in unserem Predigtlied wird dieser Verdacht bestätigt, wenn es heißt: So wird Gottes Geist des Lebens ... Licht, Geist und Schein in unsere dunklen Herzen senden.

Ich höre förmlich, wie der eine oder die andere sagt: Da halten wir uns lieber zum Buddhismus. Da wird wenigstens behauptet, der Mensch ist seiner Natur nach gut.

Ist der Mensch seiner Natur nach gut oder hat er tatsächlich ein dunkles Herz, in dem allerlei Gemeinheiten ausgebrütet werden? Hat der Buddhismus recht und wir müssen uns fremdschämen, weil die christliche Anschauung vom `dunklen Herzen im Menschen` spricht?

Gehen wir dieser Frage auf den Grund, ob wir uns fremdschämen müssen! Beginnen wir aber mit dem, was Buddhismus und Christentum verbindet. Interessanterweise bietet unser Predigtlied Worte, die Buddhisten und Christen gleichermaßen nutzen. Es sind die Worte „vom Irrtum los“kommen in Strophe zwei. Buddhismus und Christentum gehen davon aus, dass jeder Mensch sich im Irrtum befindet, der glaubt: Alles ist so okay, wie das Leben normalerweise verläuft: Geboren werden, lernen, arbeiten, Spaß haben, Nachkommen zeugen, das Alter so gut es geht auskosten, sterben. Und die Nachkommen … lernen, arbeiten, vergnügen sich nach dem Motto „Spaß muss sein“, zeugen Nachkommen, kosten das Altwerden so gut es geht aus, sterben … . Und so weiter. Das normale Leben eben. Buddhisten sagen: Du lebst in einer Illusion. Was normal ist, ist zwar offiziell normal, aber es ist eigentlich eine Täuschung. Es ist eine Illusion. In Wahrheit träumst du nur, dass du dich mit dem Leben auskennst. In Wirklichkeit muss du aufwachen aus deinem Traum und erkennen: Du lebst unachtsam, unaufmerksam, du bist nicht wirklich verbunden mit allem Lebendigen. Darum verursachst auch du Böses in der Welt. - Stattdessen: Erwache und lebe achtsam. Durchbrich den Kreislauf des Irrtums.

Sie sehen, ein Buddhist hat eine grundsätzliche Kritik am Menschen, so wie Menschen üblicherweise leben. Dabei ist es egal, auf welchem Kontinent sie leben. Menschen verwechseln von sich aus das Wichtige, worauf es ankommt, behauptet der Buddhismus.

Wir erkennen: Der Buddhismus hat eine deutliche Kritik am normalen menschlichen Denken und Verhalten. Hier besteht ein Schulterschluss zum Christentum. Wir sprechen vom Umkehren. Wer umkehren muss, geht in die falsche Richtung. Die Propheten Israels und gerade Jesus riefen die Zeitgenossen zur Umkehr auf. Jesus hatte eine deutliche Kritik am normalen menschlichen Denken und Verhalten seiner Zeitgenossen. Er fühlte sich gesandt, sie vom Irrtum zu befreien. Er wollte sie wieder verbinden mit Gott, dass sie Ihm vertrauen anstatt all ihre Sorge daran zu hängen, wie sie am besten durchs Leben kommen, in dem sie arbeiten, sich vergnügen und Nachkommen zeugen.

Der Buddhismus geht nun davon aus, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass er deshalb von sich aus in der Lage ist, zu erwachen und ein achtsames Leben zu führen in Verbundenheit mit allem Lebendigen. Dies ist im Ansatz kein Unterschied zum Christentum. Das Christentum sagt sogar, dass der Mensch von Natur aus sehr gut ist, weil Gott ihn sehr gut erschaffen hat. Buddhisten und Christen haben also eine gemeinsame Auffassung, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Aber der Mensch sucht nicht die Verbindung zu Gott, sagen Juden und Christen. Er sucht seinen eigenen Vorteil und trennt sich damit von Gott und der Welt. Diese Trennung ist gemeint, wenn Christen von Sünde oder dem dunklen Herzen im Menschen sprechen. Das Christentum hat also eine doppelte Sicht auf den Menschen: Obwohl er von Natur aus gut ist, trennt er sich von seinem Ursprung: von Gott. Gott jedoch schickt den Geist des Lebens, damit der Mensch umkehrt zu Gott. Das ist das Pfingstereignis. Der Hl. Geist Gottes im Menschen.

Brauchen wir diesen Geist Gottes, diesen Geist des Lebens, um umzukehren? Oder kriegen wir das Erwachen selber hin? Ein Buddhist würde sicherlich sagen, aufgrund seiner guten Natur schafft ein Mensch es aus sich heraus, achtsamer zu werden und zu erwachen. Und ich möchte ihm dies nicht absprechen.

Aus christlichem Verständnis und aus eigener Erfahrung heraus merke ich jedoch persönlich, wie unvollkommen ich es schaffe, mich zu wandeln. Vielleicht würden Sie das auch von sich selbst sagen. Darum erbitten wir den Geist Gottes als Beistand. In Strophe zwei unseres Predigtliedes steht geschrieben: „Gib in unser Herz und Sinnen Weisheit, Rat, Verstand und Zucht, dass wir anders nichts beginnen als nur, was dein Wille sucht; dein Erkenntnis werde groß und mach uns vom Irrtum los.“
Gott selbst also mit dem Wirken seines Hl. Geistes in unseren Herzen macht es möglich, dass wir wirklich umkehren zu ihm und erwachen aus dem Traum und der Illusion, wir hätten das Leben selbst in der Hand und könnten diese Welt retten. Die Sprecherin der NRA (national rifle association [in den USA]) teilt diese Illusion, als hätte die NRA mit ihrer geistigen und pekunären Kraft die Welt in der Hand. Um die Welt zu „retten“, droht sie allen aufgeschlossen, gewaltfrei und menschlich Denkenden, dass die NRA und ihre Unterstützer dafür sorgen werden: Your time is running out.(www.stern.de/politik/ausland/us-waffenlobby-nra---dana-loesch-droht-journalisten-7889098.html). Wir aber glauben: Wir sind in Gottes Hand gehalten und geborgen und ER kann mit uns die Welt retten. Dies beginnt so:
Gott bewirkt mit seinem Hl. Geist in uns, dass wir aufmerken und entdecken: Gott heiligt unsere gesamte Umwelt. Denn ER ist nicht nur in uns unserem Herzen nahe, sondern er ist in allem Lebendigen um uns herum gegenwärtig: In jeder Buche und Eiche dieses Waldes, auch in jedem verblühten Blatt oder abgestorbenem Ast auf der Erde. In jeder Ameise, die auf dem Boden krabbelt oder in jedem Specht, der am Baumstamm hämmert. Diese Gegenwart Gottes in allem zu bemerken, führt uns dazu, alles um uns herum wertzuschätzen und gut und achtsam zu behandeln.
Wir haben dies bei einem Fortbildungsseminar im Harz bemerkt, das ich von Sonntag bis Mittwoch zusammen mit Pastoralpsychologe Michael Thon geleitet habe. Du trittst nicht auf eine Ameise beim Waldspaziergang, weil du im Herzen spürst: Sie ist genauso Gottes geliebtes Wesen wie du es bist. Du gehst nicht unaufmerksam an Felsen vorbei, denn sie zeigen dir, dass seit Millionen Jahren Gott in der Schöpfung gegenwärtig ist.

Dein Erkenntnis werde groß, schreibt Liederdichter Heinrich Held. Gott selbst wirkt in uns durch seinen Hl. Geist, dass wir erkennen: Er ist in seiner Schöpfung gegenwärtig und er ist zugleich unseren Herzen nah. Es ist Gott selbst durch seinen Hl. Geist, der uns zurückholt, dass wir uns ihm zuwenden. Diese Zuwendung zu ihm erfüllt unsere Seele mit „Weisheit, Rat, Verstand und Zucht“. Zucht meint Disziplin. Die Zuwendung zu Gott erfüllt uns mit „Weisheit, Rat, Verstand und Disziplin“, wie Jesus sie vorgelebt hat. Mit Jesu „Weisheit, Rat, Verstand und Disziplin“ gestalten wir unser Leben in dieser Welt und haben das Gefühl, dass wir nicht vergeblich hier auf Erden sind.

Auf dem erwähnten Fortbildungsseminar im Harz haben wir angesprochen, was der Zweck unseres Lebens sein könnte. Damit niemand das Gefühl habe, sein Schaffen sei letztlich vergeblich. Aus christlicher Sicht ist es die Hinwendung zu Gott, die unser Leben nicht vergeblich sein lässt. Unser Schaffen – was immer es ist oder war – beruflich oder ehrenamtlich -, … unser Schaffen, das wir mit Jesu „Weisheit, Rat, Verstand und Disziplin“ verbinden, schenkt uns das Gefühl: Es ist gut, was wir beisteuern für das Leben hier auf Erden. Es entspringt nicht mehr einem „dunklen Herzen“.

Diese beiden Worte waren der Anlass dafür, dass ich mich fremdschämte für ein uneinfühlsames Christentum, das diese Worte einfach und selbstverständlich in einem Lied benutzt, ohne sie zu erklären. Ohne Erklärung - wie in dieser Predigt - kann das nur schief gehen, nämlich dass Menschen diese Worte singen, aber innerlich aussteigen und denken: Schon wieder wird der Mensch schlecht gemacht. So aber erklärt, dass dunkles Herz ein bildhafter Ausdruck dafür ist, dass ein Mensch seinen eigenen Vorteil sucht und nicht verbunden ist mit Gott und der Welt, so erklärt brauche ich mich nicht mehr fremdzuschämen. Es geht ja nicht darum, den Menschen in seinem Wesen schlecht zu reden. Es ist der Versuch wie im Buddhismus, eine Selbsttäuschung, eine Illusion zu benennen. Niemand muss diese Illusion aufgeben. Aber sowohl Buddhisten als auch Christen rufen dazu auf, die Illusion zu erkennen. Buddhisten sagen „wacht auf“, wir Christen sagen „kehrt um zu Gott“. Das ist der Ruf, den man mit dem Herzen hören und aufnehmen möge. Wir Christen verbinden damit noch den Zusatz: Du bist nicht auf dich allein gestellt. Es ist Gottes Geist in dir, der dich zu Gott führt, zum Umkehren, zum Erwachen. 
Amen


Photo: JPW.Peters  / pixelio.de
 
 
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