Das Altarbild - Kreuzkirche Lüneburg

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Das Altarbild

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Wenn man in die Kreuzkirche kommt, werden die Schritte gelenkt über den langen blauen Teppich, der, einem Flusslauf gleich, in den Altarraum mündet. Wenn man dort verweilt, fällt der Blick unweigerlich auf die Altarwand: es ist immer Christus, auf den wir zugehen, zu dem hin wir uns versammeln und der uns schon entgegenwartet.
Die Vorlage für die hier verwendete Christusdarstellung stammt aus einem Bild Tintorettos, einem venezianischen Maler der Spätrenaissance. Ecce homo. Seht den Menschen. Es ist der leidende, dornengekrönte Christus. Ecce homo, das bedeutet hier: Sieh hin, verschließ nicht deine Augen vor dem Elend. Überall, wo Leiden ist, begegnet dir Christus.
Das Bild wurde geschaffen für den Versammlungssaal der Rocchusbruderschaft in Venedig, die sich gegründet hatte, um in Not geratenen Mitbürgern zu helfen. Mit diesem Bild hatte die Versammlung diese Selbstverpflichtung immer im Blick.
Tintoretto war ein Maler, der den Bildausdruck übersteigert hat bis hin ins Visionäre, und seine Themen waren stets emotional aufgeladen. Auf diese Art und Weise ist er zu einer Lebendigkeit in seinen Werken vorgedrungen, seine Absicht war, ein Geschehen so zu vergegenwärtigen – so, als ereigne es sich gerade im Moment des Betrachtens.
Das Künstlerehepaar, das diese Altarwand geschaffen hat, greift diese Absicht des Christus Ereignisses auf. Der Christuskopf aus Tintorettos Bild wurde vergrößert und vervielfältigt und neunmal in Farbe und Form verändert: malerisch wurde auf diese Weise die Frage untersucht:
Wer warst du, Jesus? und: Wer bist du, Christus? Verschiedene Entwürfe, Antworten, Christusaspekte kommen zur Erscheinung, obgleich der Dornengekrönte darin immer erkennbar bleibt.
Für den Betrachter gibt es nun verschiedene Möglichkeiten, sich das Bild in seiner Gesamtheit zu erschließen:
Man kann dem Aufbau der drei Triptychen, jeweils bestehend aus einem Mittelteil und zwei klappbaren Seitenteilen, folgen. Das Mittelbild nimmt dann jeweils eine zentrale Stellung ein, die beiden Seiten ergänzen seine Aussage.
Es wäre auch möglich, die Zeilen des Bildes wie eine zeitliche Abfolge zu lesen, je Triptychon von links nach rechts und in der unteren Reihe beginnend.
Das erste Bild links unten ist Jesus, ganz Mensch, reale Person, uns nahe und zugewandt. Über andere Aspekte und Züge seines Menschseins geht es dann mit den Augen und dem Herzen hinein in die mittlere Ebene in die Betrachtung des leidenden und sterbenden Gottessohnes bis hin zur obersten Reihe, den verschiedenen Erscheinungsformen des auferstandenen Christus. Angekommen beim letzten Bild oben rechts erscheint der Christuskopf nunmehr nur noch als Negativform, geformt durch das Schöpfungslicht: der nachösterliche Christus, der aufstrahlt in unserer Welt, in unseren Herzen.
Es ist ebenfalls möglich, das Bild als Gesamtklang wahrzunehmen, sich von den Farben und Formen ansprechen zulassen. Oder sich frei im Bild zu bewegen, den eigenen inneren Impulsen zu folgen: durch diese eigene innere Bewegung vollzieht sich Veränderung!
Welchen Weg man auch immer wählt, es gilt, dass keine Aussage über Jesus Christus für sich alleine steht, sondern jede im Zusammenhang mit den anderen. Die Sichtweise auf ihn immer wieder zu verändern und zu ergänzen: das ist das Bewegungsmoment im Bild, dadurch kann Christus uns zum Ereignis werden, zum gegenwärtigen Geschehen.
Unterstützt wird dieses Bewegungsmoment durch das zweite Element in der Altarwand, dem bildhauerischen Teil der Arbeit: Kreuzkompositionen aus Chromnickelstahl. Sie zeigt auf, wie Kreuze, in Bewegung geraten, zu Wegweisern werden, zu Durchkreuzern, zu Blickachsen, zu Lichtstrahlen, Verbindungen, ohne aber dass das Kreuz als Symbol des Leidens aufgehoben wird.
Nicht aufgehoben wird dadurch die Spannung zwischen Leben und Sterben, und in diesem Spannungsfeld stehen wir.
Da in einem Bild nichts zufällig ist, trägt auch das gewählte Material etwas zur gesamten Bildaussage bei: Chromnickelstahl hat die Eigenschaft, sich mit dem Sauerstoff aus der umgebenden Luft zu verbinden und so eine Schutzschicht über dem Stahlkern zu bilden. Diese Schutzschicht ist in der Lage, sich bei Beschädigung selbst neu zu bilden. Die Materialaussage bei Verwendung dieses Stoffes für die Darstellung von Kreuzen wäre: Trotz Leiden sind wir geschützt, unser Inneres kann nicht beschädigt werden, wenn wir uns verbinden mit dem uns umgebenden Lebensatem Gottes, der alle Elemente der Schöpfung durchweht. Bei Beschädigung dieses Schutzes durch unsere Angst oder unser Versagen erneuert er sich im gemeinsamen Singen, Beten, und Brotteilen vor Christus, und unser innerstes Wesen bleibt heil und ganz.
Die Bedeutung der Altarwand ist, dass sie von der geheimnisvollen Gegenwart Christi spricht, die sich mit uns verbindet, unabhängig davon, ob wir sie spüren oder nicht.
Christiane Schreiber

Fotos: Kreuzkirche
Altarbild
 
 
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