Wer ist Gott? - Kreuzkirche Lüneburg

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Wer ist Gott?

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"Ich bin da"  

2. Mose 3, 1 Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb.2 Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht.3 Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht?4 Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.5 Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.6 Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.7 Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.8 Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.9 Jetzt ist die laute Klage der Israeliten zu mir gedrungen und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie unterdrücken.10 Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!11 Mose antwortete Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte?12 Gott aber sagte: Ich bin mit dir; ich habe dich gesandt und als Zeichen dafür soll dir dienen: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr Gott an diesem Berg verehren.13 Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen?14 Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der «Ich-bin-da». Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der «Ich-bin-da» hat mich zu euch gesandt. (Einheitsübersetzung)

Liebe Gemeinde,
uns ist der Begriff Gott als Name für Gott vertraut. Gott heißt eben Gott. Aber ganz am Anfang der zivilisierten Menschheit – etwa bei Abraham -, … ganz am Anfang, als Menschen diesen Gott kennen lernten, da hatte er noch keinen Namen. Und später bringt Mose dies auch zum Ausdruck. Er fragt Gott: Wenn mein Volk mich nach deinem Namen fragt, was soll ich dann sagen?

Diese Frage belegt: Gott hatte zunächst keinen Namen. Er hieß einfach: Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Wussten Sie das? (Die richtige Antwort ist jetzt: Ja, ich weiß das, denn unser Pastor hat darüber schon mal gepredigt und auch eine Steinway-night damit inhaltlich gefüllt). Aber Sie dürfen heute gern auch antworten: Nee, weiß ich nicht. Ist mir nicht bewusst, dass Gott zunächst gar keinen Namen hatte.
Mir persönlich ist es nämlich auch so ergangen. Bis zur Mitte meines Theologiestudiums wusste ich nicht, wie Gott ganz früher genannt wurde. Wie Gott früher genannt wurde, ist aber sehr spannend. Deswegen gibt es heute eine weitere Predigt zu diesem Thema. Dieses Mal aus dem Blickwinkel des Mose.

Mose wird überrascht (und so überrascht sind wir vielleicht jetzt auch): Gottes Name ist gar kein Name (wie Brahma oder Vishnu), sondern ein Tätigkeitswort, ein Verb. Die gebeugte Form des Verbs, mit der Gott sich vorstellt, heißt ähjäh auf hebräisch1. Aber das kann man auf Deutsch nicht gleich übersetzen. Da muss man mehrere Übertragungen bemühen, die alle etwas Richtiges haben, aber verschiedene Nuancen aufzeigen. Schauen wir uns diese Übertragungen mal an. Wir können dabei verstehen, wer Gott für uns ist und was er uns schenkt.

Das Tätigkeitswort ähjäh kann übersetzt werden ...erstens... mit: Ich bin da. Das Wunderbare an der Gottesbezeichnung „Ich bin da“ ist, dass jedes einzelne Wort Gott beschreibt:
Gott ist ein ICH. Er hat also eine Persönlichkeit: einen unverwechselbaren Charakter, ein persönliches Wesen. Er ist nicht irgendwer. Zum Ich gehört ein Du. Das „Du“ ist jeder einzelne Mensch. Dies bedeutet für uns: Wir können eine ganz persönliche Beziehung zu Gott haben. Wir können zu ihm sprechen, wir können ihn hören und auf ihn hören. Wir verbinden uns mit ihm im Geist, im Herzen, in der Seele. Ich und Du.

Was haben wir von dieser Beziehung? Wir fühlen und wissen, wo wir im Tiefsten hingehören, zu wem wir im Tiefsten gehören. Es ist eine Beheimatung. Jeder Mensch sucht ein Heim, das mehr ist als eine Wohnung oder ein Haus. Denn wir Menschen haben keine Wurzeln, keinen angestammten Ort, wo wir bleiben und wachsen könnten wie die Bäume. Ob es uns bewusst ist oder nicht: Wir sind eigentlich immer auf der Suche, wo wir ein Heim finden könnten. Ein indischer Guru-Lehrmeister schreibt: „Gott ist nichts als der Name für die Suche nach einem Heim, wo wir uns wohl und entspannt fühlen..., wo wir nicht mehr das Gefühl haben, kämpfen zu müssen. Wir sind akzeptiert, und nicht nur akzeptiert – wir sind willkommen! Du brauchst dich nicht durchzukämpfen. Du darfst sein, wer immer du bist, und dich entspannen. Du weißt, dass die Liebe weiterfließen wird. Es gibt keine Angst vor Bestrafung und keine Gier nach Belohnung. Du bist daheim: Du bist kein Fremder in einem anderen Land. Darum geht es bei der religiösen Suche.2" (Zitatende)

Die Formulierung „Ich bin da“ kann über das Ich hinaus auch betonen, zu sein, zu existieren, zu leben. Gott sagt: Ich bin. Du bist. Wir sind. Lebendig. Wenn Gott sagt „Ich bin“, dann ist er das Leben. Er ist das Sein. Das Sein-selbst. Er umfasst das Nichts. Und er schafft aus dem Nichts, was ist. Weil er das umfassende Sein ist. Diese Worte klingen ein bisschen abstrakt oder philosophisch, haben aber eine wichtige Bedeutung für unsere Beziehung zu Gott. Vielleicht sind Sie ein Mensch, der mit einem persönlichen Gott nichts anfangen kann. Diese Gottesvorstellung ist Ihnen zu menschlich oder zu kindlich. Und außerdem kann es sein, dass Sie schlechte Erfahrungen gemacht haben mit einem persönlichen Gott, der wie ein Vater oder wie eine Mutter ist. Wenn z.B. Ihr Vater unnahbar war und Ihre Mutter manipulativ, dann erweckt das Bild vom himmlischen Vater oder der göttlichen Mutter Misstrauen. Es kommt zu einer Beziehungsstörung mit Gott. Wenn wir uns aber Gott nicht als Person vorstellen, ist alles gleich anders. Weil Gott schlicht das Sein ist, das schöpferische Sein, darum können wir glauben, ohne dass wir in Gefühlsnot geraten. Gott als das Sein ist in uns und überall um uns herum, aber er ist viel mehr als alles, was ist, denn er ist der Urgrund, das Sein-selbst. Dies ist eine schöne und angemessene Vorstellung in moderner Zeit. Ich bin, sagt Gott. Er stellt sich als das wahre Sein vor.

Der kurze Satz „Ich bin da“ bestärkt aber außerdem noch, dass Gott jemand ist, der ganz gegenwärtig ist, der ganz da ist im Moment. Von uns selbst müssen wir sagen: Wir sind oft nicht da, wo wir uns gerade aufhalten. Wir sind nicht voll anwesend mit Körper, Seele und Geist. Mancher von uns ist vielleicht gerade in Gedanken woanders ... bei einem Plan, was er demnächst machen will, oder bei einer Erinnerung aus den letzten Tagen. Oder du fühlst nicht voll und ganz, wie du sitzt oder stehst, singst oder hörst. Jedenfalls bist du im Moment nicht ganz gegenwärtig. Aber Gott verspricht: Ich bin ganz präsent. Ich bin ganz da. Er schweift nicht ab. Er ist weder in der Vergangenheit, die schon nicht mehr ist, noch flüchtet er in die Zukunft. Sein Wesen ist: Er ist ganz da. In diesem Moment.


Liebe Gemeinde, ich bin froh, dass Gott sich nicht einen Namen gegeben hat, sondern dass er sich vorstellt mit dem, wie er ist. Besonders schön finde ich, dass Gott uns nicht auf eine Vorstellung von ihm festlegt. Wir können an einen persönlichen Gott glauben, aber wir können auch an den Urgrund des Seins glauben. Damit lässt er uns eine große Freiheit. Und wir sollten diese Freiheit weitergeben, wenn wir von Gott erzählen. Es gibt ja Christen, die fordern, dass wir unbedingt am Vater-Gott festhalten sollen, weil Jesus vom himmlischen Vater erzählt hat. Wir beten ja auch „Vater unser im Himmel“. Aber Jesus wollte uns nicht auf das Vaterbild festlegen, sondern er wollte uns ans Herz legen, dass man Gott vertrauen kann wie einem gütigen, liebenden Vater. Und wessen Vater das genaue Gegenteil ist, der oder die kann ihr Vertrauen festmachen an einen Gott, der als der Urgrund des Seins ganz gegenwärtig ist. Diese Freiheit ist wunderbar.

Gehen wir nun noch einen Schritt weiter. Man kann das hebräische Tätigkeitswort ähjäh auch noch etwas anders übersetzen. Und wieder wird ein Wesenszug Gottes sichtbar, der bisher noch nicht so deutlich wurde. Im Ganzen heißt die Selbstvorstellung Gottes: ähjäh aschär ähjäh. Diesen Ausdruck sollte man nach Martin Buber so umschreiben: Gott sagt, ich bin der „Ich bin da“, der für euch da sein wird. Gott will für uns Menschen da sein. Das ist sein Wesen. Für uns da. D.h. nicht, dass wir über ihn verfügen könnten. Dann wäre er ja nur unser Diener und kein Gott. Aber es ist sein Versprechen, für uns da zu sein. Für immer. Und wie er für Mose und das Volk in der ägyptischen Sklaverei da war, zeigt die Richtung an. Er will da sein für uns, indem er uns zur Freiheit beruft. So wie das Volk Israel frei wurde vom Sklavendienst.

Ich möchte uns zwei kleine Befreiungsgeschichten unserer Tage erzählen. Denn der „Ich bin da“ ist auch heute noch da. Für uns da.

Claudia hat eine Mutter, die im Gefängnis der Angst sitzt. Ihr Leben lang schon. Und darum wurde Claudia mit dem mahnenden Leitsatz erzogen: „Ich möchte nicht, dass die Nachbarn einen Anlass finden, schlecht zu reden über dich und über uns als Familie.“ Wobei der Grund keine Rolle spielte, ob das schlechte Gerede einen wirklichen Anlass hatte oder frei erfunden war. Claudia sollte sich anpassen an das, was die Leute – aus Sicht ihrer Mutter - vermeintlich gut finden. Aber Claudia fühlte sich wie in einen Schraubstock eingezwängt. Und sie suchte schon als ältere Jugendliche diesem Druck zu entkommen. Als Mitarbeiterin der ev. Jugend nahm sie auch an Bibelstunden für Jugendliche teil und entdeckte einen anderen Leitsatz, der ihr den Druck nahm, sich anpassen zu müssen. Es war die Antwort des Petrus, der sich vor dem Hohen Jerusalemer Rat verantworten musste, weil er nicht getan hatte, was der Hohepriester von ihm wollte. Diese Bibelstelle hatte sie auswendig gelernt: Apg 5,27 ... Der Hohepriester fragte Petrus und die Apostel: Haben wir euch nicht streng geboten, im Namen Jesu nicht zu lehren? Und doch habt ihr Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre... .29 Petrus aber und die Apostel antworteten...: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Mit diesem Leitsatz „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ konnte Claudia für sich den Mut einüben, sich über das Anpassungsgebot ihrer Mutter hinwegzusetzen. Claudia spürt zwar heute noch hin und wieder den Einfluss ihrer Erziehung, aber im Grunde fühlt sie sich befreit. Sie hat sich in die Freiheit rufen lassen. Und wenn sie jetzt hier wäre, würde sie mit Predigtworten sagen: Gott, der „Ich bin da“, der für euch da sein wird, hat mich in die Freiheit geführt.

Dann möchte ich uns Franks Lebenshaltung schildern. Er ist Leiter für die Herrenbekleidungsabteilung bei einem renommierten Hamburger Kaufhaus. Er kleidet sich tagsüber entsprechend seiner beruflichen Verantwortung mit Anzug und edlen Lederschuhen, gestärktem Hemd und Krawatte: Jeweils der jährlichen Mode entsprechend, die gerade en voque ist. Aber er hat gelernt, sich nichts darauf einzubilden. Anfangs dachte er noch, diese Kleidung hebe ihn hervor und mache ihn zu einem besonderen Menschen. Aber er hat sehr schnell bemerkt, dass er kein anderer Mensch wird durch teure modische Bekleidung. Er nimmt in seinem exquisiten Kaufhaus wahr: Im Prinzip leben viele Menschen mit einer Illusion, dass sie ein anderer Mensch werden, wenn sie etwas kaufen. Manche Kunden kommen zwei Mal im Monat und geben einen vierstelligen Betrag aus. Aber er spürt: Ihr Leben ist oft nur Fassade. Frank hat sich durch spirituelle Lektüre, die er in der Bahn liest, wenn er zur Arbeit oder nach Hause fährt, … Frank hat sich abgekoppelt vom Sog, der in seiner Berufswelt vorherrscht. Durch seine Bücher hat er sich zunächst vertraut gemacht mit buddhistischen Ideen, ist dann aber wieder zu seinem christlichen Ursprung zurückgekehrt. Frank lernte von Buddha, dass er nicht an Dinge anhaften solle. Wer anhaftet und festhält, produziert letztendlich wieder Leid. Jesus hat ihn gelehrt, dass man sich an nichts binden soll. Nicht an eine Vergangenheit, die einem mit ihren Erinnerungen lieb ist. Noch an Zukunftspläne, von denen man nicht weiß, ob sie überhaupt umsetzbar sind. Noch an weltliche Dinge, die Jesus als Mammon bezeichnete. Frank betrachtet nichts in der Welt als schlecht, aber er muss nicht etwas Bestimmtes haben, um dadurch glücklich zu werden. Er fühlt sich frei durch seine spirituelle Sichtweise. Mit ihr kann er genießen, mit ihr kann er verzichten. Die Kollegen und Kolleginnen in der Abteilung spüren seine Unabhängigkeit und suchen oft auch private Gespräche mit ihm, weil sie wahrnehmen: Er ist weiter als sie, er ist reifer als sie. Wenn Frank diese Predigt gehört hätte, würde er vielleicht auch sagen: Gott, der „Ich bin da“, der für euch da sein wird, hat mich in die Freiheit geführt.

Diese beiden Beispiele mögen heute Morgen genügen, liebe Gemeinde. Sie verdeutlichen: Gottes Name ist kein Name wie unsere Nachnamen oder wie Brahma oder Vishnu, sondern eine Ankündigung, dass er handeln will. ähjäh aschär ähjäh nennt er sich. Ich bin der „Ich bin da“, der für euch da sein wird,verspricht er. Ich bin da, um euch Freiheit zu schenken. Amen

B. Skowron

1 אֶהְיֶה אֲשֶר אֶהְיֶה - “’ehyeh ’ascher ’ehyeh” (Wikipedia, Artikel Jahwe)
2 Osho: Jesus. Mensch und Meister. S. 125.

Foto: Mensi / Pixelio.de
 
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