Wovon leben wir? - Kreuzkirche Lüneburg

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Wovon leben wir?

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Wovon leben wir? 

Defrost me … reheat me …
inflame my heart to live again
when the ice age is gone
and the streams of water run.
 
Breathe in and exhale
what your life is made of …
Breathe in and exhale
that your life is made of love.
 
Liebe Gemeinde,
die Predigt im Gottesdienst kann eine Art Lebensberatung sein. Wenn's denn gut geht. Begrenzt natürlich auf ein Thema. Oder sagen wir lieber noch überschaubarer und bescheidener: Ein Teilaspekt eines Themas kommt in einer Predigt zum Ausdruck. Wie wenn man ein Kapitel in einem guten Buch liest, das einen persönlich interessiert. Ich möchte heute zwei Kapitel aufschlagen. Das erste Kapitel lautet: „Wovon lebe ich? Antwort: von Gottes Geschenken!“ Dieses Kapitel gehört zum großen Thema: Der Sinn im Leben.
 
Unser Predigtlied „Breathe in“ nennt ein ganz wichtiges Geschenk: unseren Atem. Breathe in, atme ein, and exhale, und atme aus. Vielleicht denken Sie dabei: Naja, so toll ist dieses Geschenk nun gerade nicht. Der Atem ist ja selbstverständlich, nichts Besonderes. Er ist einfach da. Als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich meinem Atem keine Aufmerksamkeit geschenkt. Er war eben einfach da. Aber mit zunehmender Bewusstheit habe ich bemerkt: Der Atem ist ein wunderbares Geschenk des Lebens, ein wundervolles Geschenk Gottes an seine Lebewesen, wenn ich es religiös verstehe. Denn nur durch meinen Atem bin ich … bin ich am Leben. Und das Wundervolle daran ist: Ich brauche dafür nichts zu geben, nichts zu tun. Auch nichts vorbereitend zu denken und zu planen. Der Atem kommt und geht ganz von allein. Mein Atem, dein Atem ist ein göttliches Geschenk … oder verstehen Sie es als Geschenk des Lebens, wenn Sie es nicht religiös deuten möchten. Wenn ich meinem Atem Aufmerksamkeit widme, wird er zu einem persönlichen Lehrer. Er zeigt mir z.B., wie ich mich mit bewusstem Atmen beruhigen kann. Beim einströmenden Atmen nehme ich mit mir Kontakt auf, mit mir: meinem körperlichen Sein, und beim Ausatmen lasse ich alles los. So kann ich mich beruhigen und entspannen und sogar eine Gelassenheit trainieren. Mein Atem hat also über die Sauerstoffzufuhr nicht nur eine biologische Wirkung auf meinen Körper, sondern auch eine geistige Wirkung auf meine Lebenshaltung. Sofern ich es denn erlaube. Die geistige Wirkung ist nicht nur Gelassenheit, sondern auch eine tiefe Einsicht in das Geheimnis des Lebens. Diese Einsicht ist: Vieles von dem, was lebenswichtig ist, wird uns geschenkt. Ein erster Beleg für diese Einsicht ist: Der Atem kommt und geht. Einfach so. Aber es gibt auch Sonne und Regen, wenn ich weiter darüber nachdenke, was mir alles geschenkt wird. Viele Gaben der Natur sind gratis: Die große Buche hier draußen versorgt uns mit Sauerstoff. Einfach so. Viele Lebewesen – Menschen und Tiere – meinen es gut mit uns. Einfach so. Ohne dass wir dafür etwas geleistet haben: Der tägliche Vogelgesang vor der Haustür, das freundliche Lächeln eines Nachbarn, die Liebe des Partners oder der Partnerin. Die Wahrheit über das Leben ist: Ganz wichtige Lebenselemente werden uns geschenkt.
 
Mit dieser Einsicht kann ich die prägende Grundannahme unserer Gesellschaft vom Thron holen: Dass ich nur wäre, was ich leiste. Dass mir nur zustehe, was ich erarbeitet habe. Ich kann diese Grundannahme, die über meinem Leben steht, mit ihrem Leistungsdruck und ihrem Einfluss entmachten, indem ich innerlich spreche: Diese Grundannahme stimmt nicht. Bevor ich etwas tue, bevor ich etwas leiste, ist mir ja bereits etwas geschenkt, nämlich mein Atem, mein Körper, mein Geist, meine Seele, mein Leben; und der Sauerstoff, Sonnenstrahlen, Wasser, Vogelgesang, Freundlichkeit und Liebe. - Wenn Sie hierüber vertiefend nachdenken, finden Sie noch weitere Beispiele für die Geschenke des Lebens. Mein Atem zeigt mir: Empfangen ist die Grundlage unseres Lebens, nicht leisten. Gehen wir einen Schritt weiter: vom Atem zur Liebe.
 
In unserem Predigtlied heißt es: Breathe in, atme ein, and exhale, atme aus, that your life is made of love, dass dein Leben auf Liebe gründet. Wörtlich steht da, dass dein Leben gemacht ist aus Liebe. Und das stimmt ja auch wortwörtlich: die Liebe deines Vaters, die Liebe deiner Mutter hat dich gemacht. Und ich ergänze aus religiöser Sicht: Die Liebe Gottes hat dich gewollt und bejaht. Du bist ein Kind Gottes. Ein geliebte Tochter, ein geliebter Sohn Gottes. Eine geliebte Freundin, ein geliebter Freund seines Christus. Die Liebe ist also schon vor uns da gewesen und sie ist uns schon geschenkt, bevor wir existierten und bevor wir später etwas geleistet hatten. Die Grundannahme unserer Gesellschaft ist falsch, dass wir etwas tun müssten, um Beachtung zu finden und Liebe zu erwirken. Holen wir also diese Grundannahme vom Thron. Denn Liebe ist schon vor uns da gewesen und sie ist uns geschenkt worden, bevor wir etwas geleistet hatten. Diese Erkenntnis und Einsicht gehört zur Wahrheit über unser Leben. Lassen wir uns also kein X für ein U vormachen durch die Grundannahme unserer Gesellschaft.
 
Ich räume natürlich ein, dass wir alle vermutlich sehr schnell gelernt haben im Laufe unseres Lebens, dass unser menschliches Miteinander geprägt ist von Bedingungen: Mach dies … und du erhältst das … . Leiste dies … und du wirst belohnt mit … . Also: Iss deinen Teller schön auf und Mammi geht mit dir danach auf den Spielplatz. Lern schön für die Mathearbeit und Daddy fährt mit dir am Wochenende ins Erlebnisschwimmbad. Dass unser Miteinander von Bedingungen geprägt wird, muss noch nicht einmal mit Worten ausgesprochen worden sein. Nonverbal haben wir Bedingungen verstanden wie vielleicht z.B.: Wenn Mutter oder Vater zu sehr angespannt waren, wussten wir aus Erfahrung: Nichts fragen, nichts wollen, unauffällig sein, das erspart unnötigen Ärger. Also haben wir uns angepasst. Und daraus wurde vielleicht eine Grundannahme für unser Erwachsenenleben: Wenn beispielsweise der Chef oder die Chefin gestresst und missgelaunt zur Arbeit kommt, ist es besser, sich angepasst zu verhalten, um Ärger aus dem Weg zu gehen. Daraus kann unter der Hand eine Lebenshaltung geworden sein, dass wir uns klein machen. Aber mit der Einsicht in die Wahrheit des Lebens „Your life is made of love“ können wir falsche Grundannahmen entmachten: Dein Leben wurde gemacht aus Liebe. Du bist bejaht. Darum brauchst du dich nicht klein zu machen oder anzubiedern. - Eigentlich können wir alle Grundannahmen, mit denen wir uns selbst oder anderen nichts Gutes gönnen, entmachten mit der Einsicht: Your life is made of love. Es ist die Liebe, mit der Gott dich gewollt und bejaht hat, ohne dass du zuvor etwas dafür tun musstest. Your life is made of love. Darum gönne dir dein Leben und gönne es auch anderen.
Ich sprach zu Beginn von zwei Kapiteln, die ich mit dieser Predigt aufschlagen möchte. Hören wir nun in dieses zweite Kapitel hinein mit der Überschrift: „Wofür wir leben...“. Dieses Kapitel gehört ebenso zu dem übergreifenden Thema: Der Sinn im Leben.
 
Manche Grundannahmen für unser Leben, ich meine solche, die falsch sind, wie wenn man sich sich klein macht und anpasst, um sich Ärger zu ersparen, die aber möglicherweise tief in uns verankert sind seit Kindheit und Jugend,  …. solche Grundannahmen möchte ich heute „Froster“ nennen. Sie sind wie Frost über unserem Leben und frieren unser Leben ein. Oder anders ausgedrückt. Sie lähmen uns. Sie rauben uns den Atem und den guten Willen. Sie machen uns klein und angepasst. Sie legen uns Lasten auf mit der Vorgabe „Du bist nichts wert außer du tust was, du schaffst was; außer du erarbeitest dir Anerkennung und Liebe. Und wehe, du hast nicht genug vorzuweisen an beruflichem Erfolg und Wohlstandsgaben. Dann erwarte keine Belohnung in Form von Anerkennung oder Liebe.“
 
Ich glaube, vielen Menschen würden sogenannte „Defroster“ helfen. Vielleicht schätzen auch Sie „Defroster“, wenn Sie wüssten, was das Wort bedeutet. „Defroster“ sind Enteiser. Unser Predigtlied spricht von ihnen. Defrost me, enteise mich, taue mich auf, reheat me, wärme mich auf, inflame my heart to live again, zünde die Flammen in meinem Herz an, dass ich wieder lebe. Es heißt weiter: … wenn die Eiszeit zu Ende ist und das Wasser strömt.
 
Ich glaube, Christus ist ein „Defroster“. Oder wenn Sie dem Buddhismus näher stehen, ist es die Lehre des Buddha. Ich bleibe für mich in dieser Predigt beim Christus: Defrost me, enteise mich, taue mich auf, wäre eine Bitte an ihn. Eine Bitte an ihn, sofern wir denn einen „Defroster“ bräuchten. Ich selber merke, dass ich ihn schon ein Leben lang als „Defroster“ brauche. Vom Christus übernehme ich Wahrheiten für mein Leben, die mich lebendig machen. Die meine falschen Grundannahmen vom Thron holen. Ein Beispiel ist hierfür: Gegen die falsche Grundannahme „mache dich klein“ zeigt Jesus mir durch sein Auftreten: Gott ermuntert mich, dass ich ein Standing habe. Dass ich einstehe für das, was wahr und gut ist; für das, was dem Leben dient. Damit weiß ich, wofür ich lebe. - Vielleicht könnten Sie jetzt auch aus dem Moment heraus gleich sagen, wofür Sie leben. Oder Sie nehmen diese Frage aus dem Gottesdienst mit nach Hause und widmen der Frage ihre Aufmerksamkeit. Dass Sie sich vornehmen: Ich möchte herausfinden, wofür ich leben kann. Vielleicht entdecken Sie sehr schnell Ihre tragenden und erfüllenden Herzenswünsche und Herzenstugenden. Diese könnten (müssen aber nicht) sein: Ich will wach sein. Ich will Güte ausstrahlen. Unser Lied sagt: Atme Liebe aus. Exhale that your life is made of love. Atme Liebe aus.
 
Dann: Gegen die falsche Grundannahme „pass bloß auf, was die Anderen von dir denken könnten“ zeigt mir der Christus durch sein eigenes Auftreten: Ich brauche niemanden zu fürchten und mich anzubiedern. Ich kann auf Gott vertrauen, der mich wie ein liebender Vater in die Arme nimmt und schützt. Und aus diesem Vertrauen heraus kann ich mutig sein. Ich sage, was ich denke und muss nicht aufpassen, was die Anderen dann von mir halten könnten.
 
Ferner: Gegen die falsche Grundannahme „sicher dir, was du haben kannst, und wenn du hast, was du haben willst, dann kannst du für andere da sein“ … gegen diese falsche Grundannahme zeigt mir der Christus durch sein Handeln: Ich übe  von Anfang an liebende Güte ein und nicht erst, wenn ich selbst vollauf zufrieden bin. Die Angst vor den Fremden, die von AfD und Pegida und auch von Teilen der CSU geschürt wird, … die Angst vor den Fremden basiert eben zum Teil auf der Grundannahme: 'Ich zuerst. Und ich lass mir nichts wegnehmen'. So entsteht Konkurrenz, Verachtung und Hass statt liebender Güte. Konkurrenz mit Verachtung und Hass ist Eiszeit, Ice Age. Der „Defroster“ Christus enteist und taut mich auf. Ich kann mich dann mit anderen Menschen verbinden. Geistig und emotional verbinden. Das tut nicht nur anderen gut, sondern tut meiner eigenen Seele gut. In dem Buch steht, das die Hamburger Psychologin Sabine Wery von Limont geschrieben hat mit dem Titel „Das geheime Leben der Seele“: Die Seele braucht Verbindung, um gesund und froh zu sein. Und ich ergänze: Die Seele braucht auch die Verbindung zu Gott. Das steht nicht in dem Buch. Aber es stimmt trotzdem. Die Seele braucht Verbindung zu anderen und zu Gott, um gesund und froh zu sein. Mit dieser Verbindung weiß ich, wofür ich lebe.
 
Damit schließe ich die beiden Kapitel „Wovon ich lebe. Antwort: von Gottes Geschenken“ und „Wofür ich lebe. Antwort: Für den mutigen Standpunkt, Liebe in diese Welt zu tragen, so wie es der Christus getan hat“. Für heute genug der Lebensberatung. Aber vielleicht kommen Sie ja nächste Woche wieder.
Breathe in and exhale that your life is made of love.“ Amen

Bild: FlowerLover  / pixelio.de
 
 
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