Zweck des Lebens - Kreuzkirche Lüneburg

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Zweck des Lebens

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Liebe Gemeinde,
der Ruf unseres Lebens ist … für jede und jeden von uns: Passe dich nicht aus Angst an und setze dich nicht mit Gewalt durch. Tue, was du als geliebte Tochter oder geliebter Sohn Gottes für richtig hältst. Tief aus deinem Herzen heraus.

Wie kann man das? Wie schafft man das?

Lassen Sie mich erklären mit einem ganz kurzen Rückblick auf Jesu Leben, wie ich zu diesem Thema am Himmelfahrtstag komme, was der Ruf des Lebens an uns ist.

Die Geschichte von Jesu Geburt im Stall zu Bethlehem und die Geschichte von Jesu Himmelfahrt rahmen das Wirken Jesu auf Erden: Anfang und Ende. Beide Geschichten wollen mit ihren Bildern beschreiben: Es gibt keine einfache oder logische Erklärung dafür, wer Jesus war. Es reicht nicht zu sagen: Er war das hochbegabte Kind von Josef und Maria. Das wäre zu wenig. Nein, in ihm bildet sich ab, wie ganz und gar menschlich sich Gott auf diese Welt einlässt. Gott kommt im Stall zu Bethlehem auf die Erde, dass in uns und durch uns Friede werde. Und am Ende: Es wäre keine schlüssige Vorstellung, dass Jesus als der Auferstandene einfach weitermacht. Dass er durch die Jahrhunderte über die Erde wandert. Ohne Himmelfahrt wäre das ja wohl so passiert, wenn man es sich mit magischem Denken ausmalt. Nein, es gibt ein Ende, dass Gott uns in Jesus so einmalig nah war, sagt die Himmelfahrtsgeschichte. Jesus kehrt zu Gott zurück. Das Bild ist dafür: Er fährt in den Himmel auf. Er fährt in den Himmel auf, damit seine Jüngerinnen und Jünger mündig werden und seine Werke tun.

Also ist Himmelfahrt derjenige kirchliche Gedenktag, der uns von Jahr zu Jahr aufruft: Seid mündige Jüngerinnen und Jünger Jesu und tut seine Werke. Das ist euer Ruf. Dazu dient euer Leben.

Besinnen wir uns darauf: Was waren seine Werke?
Zwischen Geburt und Himmelfahrt war Jesus seinem Herzen treu. Anders gesagt: Er hat immer das getan, was er selbst im Einssein mit Gott für richtig hielt. Er hat sich nie aus Angst angepasst und er hat sich nie mit Gewalt durchgesetzt. Das also ist unser Ruf in der Nachfolge. Dazu dient unser Leben: Wir passen uns nicht aus Angst an und wir setzen uns nicht mit Gewalt durch. Wir tun, was wir als geliebte Töchter oder Söhne Gottes für richtig halten. Tief aus unserem Herzen heraus.

Wie kann man das? Wie schafft man das?

Interessanterweise finde ich eine Antwort bei der Akzeptanz und Commitmenttherapie, wie der Autor Russ Harris sie beschreibt. Harris fragt dich: Was sind deine Werte? Mit anderen Worten: Was ist deine Lebenshaltung? Was willst du wirklich von deinem Herzen aus sein und tun?

Willst du gütig und fürsorglich denken und handeln? Willst du dich großzügig, mitfühlend, unterstützend und gelassen aufstellen? Willst du dich ehrlich präsentieren, unabhängig, fair, mutig, ruhig, zuverlässig, offen kommunikativ und humorvoll?

Du musst das nicht! Es gibt keinen Zwang! Aber frage dich, was dein Herz will.

Du kannst dich auch anders ausrichten. Willst du hart, aber gerecht denken und handeln? Willst du dich absichernd aufstellen, engherzig, neidisch und selbstbezogen? Willst du dich präsentieren, indem du dich verbiegst und die Wahrheit verlügst, willst du abhängig sein vom Erlangen deiner Vorteile, unfair, feige nach Erfolg schielend, unverbindlich und unzuverlässig, eigenbrödlerisch und humorlos?

Du musst das nicht! Es gibt keinen Zwang! Frage dich einfach, was dein Herz will.
Nun könnte jemand von Ihnen einwenden, ich würde ein falsches Gegenüber aufbauen … mit: Entweder will man gütig sein oder hart, entweder will man unterstützend sein oder eigenbrödlerisch. In Wahrheit würde sich das doch vermischen. Eigentlich wolle jede und jeder gütig sein, aber das hält man nicht durch, weil andere einen triezen, bis man eigenbrödlerisch aufgibt. Die Ehefrau triezt den Ehemann, bis er sich zurückzieht und mault, obwohl er eigentlich ein gütiger Mensch ist. Der Kollege triezt die Kollegin, bis die sich nur noch absichernd aufstellt und hart reagiert. - So sei doch die Wirklichkeit in Wahrheit.

Ist sie das wirklich, liebe Gemeinde? Ich könnte dieser Meinung zustimmen. Denn oft läuft es ja so: Man hat gute Absichten, aber andere verhalten sich so schräge, dass man selbst nicht mehr an seinen guten Absichten festhalten kann. Dann wird man eben hart, aber gerecht, dann wird man eben engherzig, weil man sich ja schließlich nicht ausnutzen lässt.

Die Frage ist jedoch: Wo sind wir dann gelandet mit unserer Lebenshaltung? Tun wir dann noch die Werke Jesu? Sind wir dann noch unserem Herzen treu und stehen für unsere guten Werte und Ideen ein? Dass wir uns großzügig, mitfühlend, unterstützend und gelassen aufstellen?

Die Antwort liegt auf der Hand: Sie lautet nein. Wir tun nicht die Werke Jesu. Denn Jesus hat ja nicht gesagt: Wenn dich jemand mit unfairen Argumenten angreift, dann verteidige dich und geh selbst zum Angriff über. Beleidige ihn, damit er mal selbst fühlt, wie das ist, wenn man unfair behandelt wird. Das hat Jesus ja nicht gesagt. Und wenn wir dennoch so angreifend reagieren, tun wir nicht seine Werke. Dann nehmen wir nicht den Ball auf, den uns der Himmelfahrtstag zuspielt, nämlich seine Werke zu tun hier auf Erden, weil er zum himmlischen Vater aufgestiegen ist.

Ich stelle dies nicht fest, damit wir nun mit schlechtem Gewissen hier sitzen. Denn es ist ja so – und ich schließe mich selbst ausdrücklich mit ein -: Diese Reaktionen sind uns ganz vertraut und normal. Wenn jemand zu uns unfair ist und sich das auch noch wiederholt, dann ist irgendwann Schluss mit lustig. Dann schützen wir uns und entziehen uns oder gehen selbst zum Angriff über. Solche Reaktion ist ganz normal. Ich möchte nicht, dass wir deshalb mit schlechtem Gewissen hier sitzen. Ich möchte, dass wir eine Handlungsalternative sehen und nutzen.

Und darum möchte ich ihnen einen Lösungsansatz beschreiben, darum möchte ich eine Perspektive aufzeigen. Die habe ich bei der Akzeptanz- und Commitmenttherapie gefunden.

Die macht folgenden Vorschlag: Gehen wir nicht von unseren Wünschen aus, wie wir uns fühlen wollen. Wir wollen uns ja „geschätzt, unterstützt, umsorgt, respektiert, wichtig, gewürdigt1 fühlen. … „Es ist normal, diese Gefühle haben zu wollen; den meisten von uns geht das so. Das Problem ist,“ meint Russ Harris in seinem Buch über Akzeptanz- und Commitmenttherapie, „dass Sie sehr wenig Kontrolle darüber haben, ob Sie sie (diese Gefühle) bekommen oder nicht.“2 Gehen wir also stattdessen davon aus, wer wir sein wollen, was unsere Herzenswerte sind. Russ Harris schreibt: „In jedem einzelnen Augenblick sind Ihre Werte verfügbar; sie sind wie gute Freunde, immer bereit, Ihnen zu helfen und Sie zu leiten, wenn Sie sie brauchen.“3 Statt uns geliebt und anerkannt fühlen zu wollen, besinnen wir uns auf unsere Herzenswerte und wenden sie an. Wir reagieren offen, ehrlich, freundlich durchsetzungsstark, unabhängig, kommunikativ, kooperativ, fürsorglich, liebevoll, lebenslustig, spontan, kreativ, unkompliziert, mutig, ruhig, optimistisch, dankbar, vertrauenswürdig und zuverlässig.4 Sofern denn diese Werte, diese Lebenshaltungen, unsere sein sollen. Zu jeder Zeit und in jeder Situation können wir so handeln und reagieren, wie wir sein wollen ...und nicht, wie wir uns fühlen wollen durch die Beachtung anderer.

Mir gefällt dieser Ansatz. Er ist realistisch und funktioniert. Probieren Sie es aus bei der nächsten Enttäuschung mit Ihrem Ehepartner oder Kollegen. Handeln Sie so, wie Sie selbst sein wollen und wofür Sie stehen und nicht so, wie Sie sich fühlen wollen durch den anderen.

Dieser Ansatz der Akzeptanz- und Commitmenttherapie entspricht Jesu Grundhaltung, entspricht Jesu Werken, die uns der Himmelfahrtstag ans Herz legen will. Ich will es biblisch begründen mit Jesu eigenem Verhalten. Jesus ist seinen Herzenswerten immer treu geblieben und hat sich nicht abhängig davon gemacht, wie er sich fühlen wollte, wenn ihm andere Menschen begegneten. Sonst hätte er der Ablehnung durch die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht standgehalten. Er hätte sich irgendwann angepasst. Oder er wäre irgendwann gewaltsam ausgerastet vor Empörung über seine Gegner. Aber das hat er ja nicht getan. Er hat immer das getan, was er selbst im Einssein mit Gott für richtig hielt. Er hat sich nicht aus Angst angepasst und er hat sich nicht mit Gewalt durchgesetzt.

Er konnte so leben, weil er seinen Herzenswerten treu bleiben wollte. So erklärt sich auch, dass die Seligpreisungen keine Utopie sind: Selig sind die Sanftmütigen, selig sind die reinen Herzens sind, selig sind die Frieden Stiftenden, selig sind die Barmherzigen …. usw. ... diese Haltungen sind nur umsetzbar, wenn man nicht danach ausschaut, dass man sich gutfühlen und durch andere akzeptiert fühlen will.

Ich schränke aber auch ein: Diese Haltungen sind meistens umsetzbar. Es ist ja ein Einübungsweg. Denn wir sind nicht perfekt. Dies merken wir, wenn wir uns doch mit jemanden streiten, weil wir uns gutfühlen möchten oder weil wir uns gekränkt fühlen und uns verteidigen wollen.

Trotzdem ist es unser Ruf, wie der Christus zu wirken. Dazu dient unser Leben, es ist der Zweck und Sinn unseres Lebens: Wir passen uns nicht aus Angst an und wir setzen uns nicht mit Gewalt durch. Wir tun, was wir als geliebte Töchter oder Söhne Gottes für richtig halten. Tief aus unserem Herzen heraus. So nehmen wir den Impuls des Himmelfahrtstages auf. Amen

B. Skowron

1Russ Harris: ACT der Liebe. S. 92.
2Ebd.
3Ebd.
4Ebd. S. 97
Photo: Oliver Mohr  / pixelio.de
 
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