Predigt - Kreuzkirche Lüneburg

Kreuzkirche Lüneburg
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Predigt

Gottesdienst
22.03.2020
       
(Sie können diese Predigt und eine ganze Playlist als Videogottesdienst auch auf Youtube sehen: https://www.youtube.com/playlist?list=PLgIek-bdoHSZQxdCjYYjQgO7bXcAs9934)
        
       
Liebe Gemeinde,
 
im Konfirmandenunterricht habe ich gemeinsam mit Teamerin Celine und den Konfis einen Gottesdienst vorbereitet zum Thema: die 10 Gebote. In kleinen Arbeitsgruppen haben die Konfis Ideen entwickelt und Texte entworfen, die ich Ihnen vorstellen möchte. Dabei nenne ich Ihnen die Namen der jeweiligen Konfirmandin und des Konfirmanden. Darauf folgt eine Predigt von mir.
 
 
Niklas: Man könnte die Gebote auch zusammenfassen. Rumi, ein persischer Dichter und Meditierender, ein Kenner von Judentum, Christentum und Islam aus dem 13. Jahrhundert, ... Rumi schrieb zum Beispiel: "Wo immer du bist und was immer du tust, sei in Liebe".
Christoph: In unseren Tagen veröffentlichte auf Instagram eine Amerikanerin, die sich den Namen "selflovemafia" auf Instagram gegeben hat: "Wir müssen in nichts anderem übereinstimmen als freundlich zueinander zu sein". Oder Jesus sagte: "Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Damit sind alle Gebote erfüllt". Über ein Zusammenfassen hinaus könnte man auch Gebote ergänzen.
Morten: Nach Ausschwitz, dieser Name steht stellvertretend für den Völkermord an Juden durch Nationalsozialisten und durch ihre Befehlsempfänger, das waren oft ganz normale, brave Bürger, keine Nazis (und trotzdem Unterstützer von Gewalt und Mord),... nach Ausschwitz formulierten jüdische Überlebende ein 11. Gebot: Du sollst nicht gleichgültig sein.
Felix: Wie setzt man das um, dass man nicht gleichgültig reagiert? Wir haben uns im Unterricht zunächst gefragt: Was ist uns heute egal? Wo reagiert man gleichgültig? Danach haben wir das Gegenteil beschrieben: Die Überschrift dazu lautete „was ist dir ganz wichtig, sodass du sofort dafür einstehst und gegebenenfalls auch etwas tust?“
 
Morten: Hier ist ein Beispiel für das, was manchen Jugendlichen oder Erwachsenen egal ist.
 
Eine Situation auf dem Fußballplatz: Es gab die Fehlentscheidung eines Schiedsrichters, dass er ein Handspiel pfiff. Aber der Ball hatte nur die Schulter eines Abwehrspielers berührt. Für den Schiri hatte es ausgesehen, als wäre der Oberarm des Abwehrspielers beteiligt gewesen.
Niklas: Die zuschauenden Fans, Trainer und Spieler der verteidigenden Mannschaft beschwerten sich beim Schiri und schrien ihn dabei an: „Hast du keine Augen im Kopf? Wie blöd bist du denn? Du kannst gleich in die Rente gehen!“ Aber es gab niemanden auf und neben dem Platz, der gegen diese Anmache das Wort erhob.
 
Christoph: Jetzt aber vier Beispiele, die Gleichgültigkeit hinter sich lassen und zeigen, dass Menschen sich einbringen, um zu helfen.
 
In einer Klasse gibt es einen Schüler, der aus Tansania kommt und nicht flüssig Deutsch sprechen kann und außerdem auch stottert. Seine Mitschüler lachen über ihn und hacken auch auf ihm herum. Aber einer aus dieser Klasse ergreift Partei und fordert die anderen auf, sich fair zu verhalten.
 
Amelie: Das andere Beispiel ist: Seit der 6. Klasse wird ein Mädchen immer wieder beleidigt. Es liegt daran, dass dieses Mädchen provoziert, alles besser weiß und egoistisch ist.
 
Hannah: Es hat Sitzungen gegeben, in denen darüber gesprochen wurde, eine Lösung zu finden. Eine neue Schülerin, die die Klasse wiederholen muss, hat sich an die Seite des gemobbten Mädchens gestellt und sie beschützt vor Beleidigung.
Amelie: Dadurch entstand aber ein Zickenkrieg. Dies führte dann zu einem Elterngespräch. Die Lösung sollte sein, sich aus dem Wege zu gehen. Das brachte aber nicht den gewünschten Erfolg. Ein Beratungslehrer schaltete sich ein und setzte ein Projekt an, um mit Spielen und anderen Methoden das Klassenklima zu verbessern.
 
Felix: Dann ist uns die Bewegung Fridays for Future eingefallen als Beispiel dafür, dass vor allem Jugendlichen, aber auch Erwachsenen wichtig ist, für die Verbesserung von Umweltbedingungen einzustehen und sich mit der Teilnahme an Demos zu engagieren.
 
Hannah: Wir haben auch an die Situation in der Familie und unter Freunden gedacht. Das ist ja eine recht geschützte Atmosphäre, in der man für sich leichter ausprobieren kann, zu sagen, was man denkt und wofür man einsteht.

 
 
 
Liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer, die Gebote wollen unser Leben schützen. Sie wollen dazu beitragen, dass unser Leben gemeinschaftlich gelingt. Auch heute noch in unserer modernen Gesellschaft. Auch jetzt, wo wir die Krise durchleben, dass unsere Gesellschaft ausgebremst wird, als würde man unmittelbar vom 5. Gang in den 2. schalten. Ich weiß, dies würde das Getriebe nicht mitmachen. Aber das Bild der Ausbremsung ist hilfreich.
 
 
Das elfte Gebot Du sollst nicht gleichgültig sein ist ein ganz pointierter Satz, damit wir uns im Bewusstsein aufmerksam aufstellen. Die Bundeskanzlerin hat ja jede und jeden von uns zu solcher bewussten Haltung aufgefordert. Nicht gleichgültig zu sein bedeutet für mich, dass wir wahrnehmen, wie viele von uns sich fühlen.
 
Wir fühlen uns angestrengt, weil wir unser gewohntes Verhalten umstellen. Seit Jahren oder Jahrzehnten haben wir uns die Hand gegeben zur Begrüßung. Im übertragenen Sinne haben wir damit ausgedrückt: Ich reiche dir die Hand und bin bei dir in friedlicher Absicht. Jetzt ist es so: Wenn ich dir nicht die Hand gebe und mit einem Abstand von 2 m vor dir stehen bleibe und dir nur zuwinke, weißt du: Ich bin bei dir mit guter Absicht, damit du dir keine Sorgen machen musst wegen Ansteckung und du Frieden hast, mir zu begegnen. Wir haben dieses neue Ritual der Begrüßung jetzt gelernt. Aber es war am Anfang anstrengend, die langjährige Gewohnheit aufzugeben.
 
 
Viele oder manche von uns fühlen sich auch überfordert. In jeder Situation freundlich miteinander zu bleiben, wie die Bloggerin selflovemafia betont, ist ja nicht so einfach getan wie gesagt. In vielen Berufen muss jetzt mehr vollbracht werden als je zuvor. Besonders im Bereich Medizin, Pflege, öffentliche Sicherheit, Lebensmittelhandel, psychologische oder seelsorgerliche Betreuung … um nur einige Beispiele zu nennen. Geht das dann, auch noch die Kraft zu haben, freundlich zu bleiben?
 
 
Arbeitnehmer und Selbstständige ängstigen sich: Behalte ich meine Arbeit oder mein Geschäft? Was kann ich mir noch leisten in drei Monaten oder verliere ich meine wirtschaftliche Existenz, weil ich mein Geschäft nicht halten kann? - Angst berührt auch meine Endlichkeit, dass ich mich frage: Werde ich es schaffen im Falle einer Ansteckung, dass ich am Leben bleibe? Wie leicht oder schwer fällt es in der Angst, das zu leben was Rumi schrieb: "Wo immer du bist und was immer du tust, sei in Liebe"? Dieser Satz von Rumi ist ja eine gute Zusammenfassung der Gebote, eine praktische Umsetzung der Gebote.
 
 
Gibt es Hilfen bei dieser Umsetzung, mit einer liebenden Grundhaltung freundlich zu bleiben? Ich denke: Es gibt sie. Was mich persönlich bei meiner Grundhaltung stützt und stärkt ist der Glaube oder - wie wir heute passender und umfassender sagen - die Spiritualität. Also meine Beziehung zu Gott, wenn ich eine persönliche Gottesvorstellung teile, oder meine Beziehung zum Göttlichen bzw. zum Grund des Seins und allen Lebens, wenn ich mir Gott nicht so persönlich vorstelle.
  
 
Was Spiritualität mir gibt oder schenkt, ist ….
erstens: Ich spüre immer wieder Impulse, die mich weiten oder über das hinausgehen, was mein Geist mir mit der Stimme meines Egos oder meiner Angst sagt. In der Stimme des Egos oder der Angst höre ich das Sichernwollen, das Habenwollen, das Begehren. Luther schreibt im 10. Gebot: Du sollst nicht begehren. Und dann erwähnt er den Nachbarn und alles, was sein ist. Meinem Nachbarn gehört nicht nur ein Auto, sondern alles, was er zum Leben braucht. Wie mir mein Auto gehört und alles, was ich zum Leben brauche. Das steht gleichwertig nebeneinander. Wenn ich in dieser Weise spirituell aufgestellt bin, dann ist die Chance groß, dass ich die dritte Großpackung Toilettenpapier ins Regal zurücklege. Gegen mein Begehren. Für meinen Nachbarn. So bin ich nicht gleichgültig, sondern freundlich. Und ich empfinde Frieden in mir.
 
 
Vielleicht sagst du, vielleicht sagen Sie: Das kann ich nicht für andere tun. Und ich antworte: Möglicherweise jetzt nicht, aber Glaube/Spiritualität kann in der Seele und im Geist wachsen. Sofern ich mich denn spirituell orientieren möchte. Es wäre eine Entscheidung für einen Frieden mit mir selbst und mit dir.
 
 
Was Spiritualität mir gibt, ist ...
 
zweitens: eine Dankbarkeit. Wenn ich morgens unter der Dusche stehe, wenn ich den ersten Kaffee trinke, danke ich für das Wasser, welches mir wie selbstverständlich zur Verfügung steht. Das schenkt mir Gelassenheit. Diese Gelassenheit ist wie ein Schutzfilm über meinem Geist, über meiner Seele, wenn Anstrengung oder Überforderung mich bedrängen in diesen belastenden Tagen.
Du merkst, Sie merken: Ich möchte auf die praktische Bedeutung von Spiritualität hinaus. Gerade in dieser schwierigen Phase, in der wir vertiefen können oder neu herausfinden, was uns wirklich trägt im Leben. Wir verbringen draußen weniger Zeit mit anderen Menschen. Das Stichwort ist ja: Sozialkontakte reduzieren. Und wir können den Freiraum nutzen, um klarer zu erkennen oder neu zu entdecken, was wir brauchen, um ein gutes Maß Gelassenheit zu haben. Der Zugang zur Gelassenheit erfolgt über Dankbarkeit.
 
 
Wozu Spiritualität mich in die Lage versetzt, ist … drittens: Zu meinem gewohnten Blickwinkel gesellt sich oft eine andere Perspektive. Nämlich: Was würde Jesus tun? Oder was würden die anderen religiösen Weisheitslehrer sagen wie etwa Rumi oder Buddha. In mein Bewusstsein treten also andere Impulse, die immer darauf zielen: Welches Denken oder Handeln ist wirklich menschlich und damit hilfreich? Und ich fühle mich durch die Impulse reich beschenkt. Ich sorge mich dann nicht, was ich haben muss. Ich freue mich an der Resonanz, die sich aus unserem Miteinander ergibt.

Vielleicht sagst du, vielleicht gewahren Sie: Diese Resonanz erlebe ich auch mit mir und anderen im Miteinander. Oder du wünschst, Sie wünschen: Da könnte mehr Lebendigkeit sein und ein Hin- und Herfließen in meinem Leben, wenn ich arbeite oder in der Freizeit mit anderen zusammen bin. (Natürlich wenn Sozialkontakte wieder möglich sind.)
Meine Erfahrung ist: Was die großen religiösen Weisheitslehrer beschreiben, überwindet langweiliges oder oberflächliches Leben. Dazu würde ich auch noch unbedingt zählen, was die Psychologie erforscht hat. Und vieles mehr. Aber heute lege ich ja den Schwerpunkt auf Spiritualität.
 
 
Mein Ausgangspunkt war die Frage: Gibt es Hilfen bei der Umsetzung, mit einer liebenden Grundhaltung freundlich zu bleiben? Oder anders ausgedrückt: Zum Gelingen des Lebens beizutragen; welches ja die Absicht der zehn Gebote ist. In der gesellschaftlichen Situation, die wir jetzt gerade erleben. Für mich lautet die Antwort: Spiritualität schenkt mir Gelassenheit und immer wieder neue Impulse, wirklich menschlich zu denken und zu handeln.
Wie siehst du das, was meinen Sie dazu?
 
Mögen wir alle behütet sein und im Geist aufmerksam … für uns selbst, im Geist aufmerksam … für alle anderen! Amen
Foto: twinlili  / pixelio.de
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Der Kirchenvorstand der Kreuzkirchengemeinde Lüneburg
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Zusammenstellung: J.Koke


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