Predigt - Kreuzkirche Lüneburg

Kreuzkirche Lüneburg
Kreuzkirche
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Predigt

Gottesdienst
12. Januar 2020, 1. So n. Epiphanias

Wir lesen drei kurze Geschichten, die in Kap 9 bei Matthäus zusammengehören: Das Mahl mit den Zöllnern; die Frage nach dem Fasten und die Auferweckung eines Mädchens. Die zweite Geschichte ist unsere Predigtgeschichte: die Frage nach dem Fasten.
Die drei Geschichten erzählen uns: Glaube will heilen und aufbauen. So wie Jesus damals heilte und Menschen aufbaute. Unser Glaube ist ein Exit to heaven, Glaube will unsere Lebendigkeit stärken, will uns Freiheit schenken; Glaube will uns motivieren, mit liebevollem Herzen auf uns selbst zu schauen und mit liebevollem Herzen alles wahrzunehmen, was leben möchte.
Das Mahl mit den Zöllnern
Mt. 9,9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.
Die Frage nach dem Fasten, unsere Predigtgeschichte
14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht? 15 Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten. 16 Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid ab und der Riss wird ärger. 17 Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.
Die Auferweckung eines Mädchens
18 Als er dies mit ihnen redete, siehe, da kam einer der Oberen, fiel vor ihm nieder und sprach: Meine Tochter ist eben gestorben, aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig. 19 Und Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern. 20 Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte, trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. 21 Denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. 22 Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und die Frau wurde gesund zu derselben Stunde. 23 Und als Jesus in das Haus des Oberen kam und sah die Flötenspieler und das Getümmel des Volks, 24 sprach er: Geht hinaus! Denn das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. 25 Als aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff es bei der Hand. Da stand das Mädchen auf. 26 Und diese Kunde erscholl durch dieses ganze Land.

Liebe Gemeinde,
die Künstlerin Katharina Lechner gibt diesem Bild den Titel „ich streife die alten Kleider ab“.
Man trägt seine alten Kleidungsstücke eigentlich sehr gern. Die Farben und die Passform sind so vertraut. Man blickt in den Kleiderschrank am Morgen, erkennt die Kleidungsstücke, die einem immer schon gut gestanden haben und zieht sie an mit dem sicheren Gefühl: Darin sehe ich gut aus. Oder das Gefühl sagt einem zumindest: Mit diesem Outfit mache ich nichts verkehrt … keiner wird mich komisch anschauen. Wir alle kennen … mehr oder weniger …dieses morgendliche Ritual, nach der Kleidung im Schrank zu greifen, die uns so vertraut ist.
Andererseits gehen wir … mehr oder weniger ... gern shoppen; jedenfalls kaufen wir ... manchmal oder oft … neue Kleidungsstücke mit anderem Schnitt und zeitgemäßem Farbdesign. Und wir freuen uns schon am Abend zuvor, dass wir sie am nächsten Tag tragen werden und fühlen uns wie neugeboren. Wir gehen mit gestiegenem Selbstvertrauen oder anderer Zuversicht an die Aufgaben des Tages heran.
Kleider machen Leute, entweder die vertrauten oder die neu gekauften Kleidungsstücke.
Immer wieder aber spüren wir auch, dass Kleidung nicht passt. Es können natürlich auf der Hüfte ein paar Pfunde mehr sein und die alte Jeans kneift am Bauch und muss aussortiert werden. Oder aber nach einem Einkaufsbummel stellen wir am nächsten Tag fest, dass wir uns vertan haben: Die Farbe türkis oder orange kleidet uns doch nicht, obwohl wir im Geschäft dachten, es wäre   d i e  geniale Farbe, die uns wie keine andere so gut steht.
Alte Kleidung abzustreifen und auszusortieren oder neue Kleidung ungenutzt im Schrank liegen zu lassen, weil sie nicht passt, dies zeigt an, dass etwas mit uns geschehen ist. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Frau Lechners Bild „ich streife die alten Kleider ab“ verstehe ich als Symbol oder Gleichnis solcher Erlebnisse, dass etwas geschehen ist im Leben und eine Veränderung notwendig geworden ist.
Ein solches Erlebnis könnte sein, dass ich merke: So wie ich aufgestellt bin, komme ich nicht mehr gut klar oder gar nicht mehr.
Vielleicht im beruflichen Bereich, dass ich zu viele Fehler mache oder andere Menschen nicht mehr gut berate. Dies könnte daran liegen, dass ich mich zu wenig beschäftigt habe mit den Neuerungen in meinem Arbeitsbereich. Meine alten Kleider abzustreifen heißt dann, dass ich die Haltung aufgebe: Ich komme schon irgendwie durch. Wenn ich meine alten Kleider ablege, bin ich in diesem Moment ja nackt. Ich sehe mich so, wie ich bin. Im hier erwähnten beruflichen Bereich ist diese Nacktheit die ehrliche Erkenntnis: Ich habe meinem Arbeitsplatz und meiner beruflichen Kompetenz zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Vielleicht verbindet sich damit auch noch die Erkenntnis: Ich habe mich auf den falschen Arbeitsplatz beworben. Oder ich kümmere mich zu sehr um mein Eigenleben und bin zu wenig bereit, mit der Arbeit anderen Menschen zur Seite zu stehen. Was auch immer ich im Moment dieser nackten Ehrlichkeit mit mir selbst entdecke, könnte der Wendepunkt sein, dass ich neue Kleider anlege. Also den Arbeitsplatz wechsle oder beschließe, mehr Interesse und Fortbildung oder Motivation anzustreben, damit ich die nötige berufliche Kompetenz an den Tag legen kann.
Dass ich alte Kleider im beruflichen Bereich abstreife, ist vielleicht noch ohne außerordentliche persönliche Erschütterung und ohne großen Energieaufwand machbar. Aber es gibt kritische Situationen, die verlangen, dass ich mich selbst sehr stark verändere, sofern ich denn im Leben gut zurecht kommen möchte. Solche Veränderungen haben viel mit der eigenen geistigen Einstellung zu tun oder mit dem Kontakt zu meinen Gefühlen.
Nehmen Sie zum Beispiel die schwerwiegendere Situation, dass ein Mensch immer Kritik einstecken muss oder niedergeschlagen ist. Die nackte Erkenntnis könnte dann sein (sofern der Auslöser in mir liegt und nicht im Außen und nicht im chemischen Körper-Stoffwechsel): Ich lebe mit Überzeugungen, die mir selbst und anderen nicht guttun.
In der Psychologie werden diese Überzeugungen Glaubenssätze genannt oder Introjektionen. Ich habe dann möglicherweise in Kindheit und Jugend Glaubenssätze aufgenommen und eingeübt, die meine Eltern mir mit Worten oder ohne Worte vorgelebt haben. Etwa: Man widerspricht nicht und ordnet sich unter. Oder: Man macht Mama und Papa keine Probleme, weil sie so viel zu tun haben. Also ordne ich mich dann auch als erwachsener Mensch unter, übernehme keine oder zu viel Verantwortung, halte mich zurück und vertrete nicht wirklich meinen eigenen Standpunkt. Und so fühle ich mich als erwachsener Mensch von Jahr zu Jahr niedergeschlagener, kraftloser und ernte Unverständnis und Kritik von anderen, die mich als Partner neben sich bräuchten.
Die ehrliche Erkenntnis, die nackte Wahrheit, wäre: Ich fühle mich selbst nicht genug, ich liebe mich selbst nicht genug, ich vertrete mich selbst und meine Bedürfnisse nicht genug. Diese alten Kleider abzustreifen und neue anzulegen hieße: Ich frage mich, was ich brauche, und ich erlaube mir, eigene Wünsche zu äußern oder anderen gegenüber gegensätzliche Meinungen zu vertreten. Das ist ein Übungsweg, auf dem ich lerne: Meine katastrophale Fantasie, dass andere mich ablehnen oder mich gar nicht wahrnehmen, wenn ich einen eigenen Standpunkt einnehme, ... meine katastrophale Fantasie stimmt gar nicht. Tägliche Erfahrung lehrt mich das Gegenteil. Und je mehr Schritte ich auf diesem Übungsweg gehe, umso mutiger werde ich, umso weniger fühle ich mich niedergeschlagen, sondern lebendig und kraftvoll. Dies ist dann ein "last exit to heaven", um das Motto der Ausstellung von Frau Lechner zu zitieren. Ein letzter Ausweg in himmlische Lebensverhältnisse statt der Ausweglosigkeit etwa einer permanenten Niedergeschlagenheit oder einer Wirklosigkeit … ohne positive Resonanzen anderer Menschen.
Es wird natürlich auf diesem Übungsweg auch Widerstände geben. Kaum von fremden Menschen, denen man neu begegnet, sondern von den vertrauten Menschen, die irgendwie davon profitieren haben, dass man war, wie man war. Besonders Eltern, falls sie noch leben, oder Geschwister wollen einen wieder einnorden. Aber die meisten Menschen berichten davon, dass sie erfahren haben: Als sie den "last exit to heaven" wählten, den eigenen, persönlichen Rettungsweg einschlugen, haben sich private oder berufliche Lebensgefährten mit ihnen gefreut und sie bestärkt.
Was wir heute bedenken, ist keine neue Thematik. Sie wurde schon von Jesus angesprochen und vorgelebt. Alte Kleider abzustreifen und neue anzulegen, hat er nach Matthäus so beschrieben (wir hörten es in der Lesung vorhin): Mt 9,14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht? 15 Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? ...16 Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid ab und der Riss wird ärger. 17 Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.
Jesus hatte immer den "exit to heaven" vor Augen, er malte seinen Zuhörern und Zuhörerinnen ihren eigenen persönlichen Rettungsweg aus. Weil er ihnen helfen und sie heilen wollte, weil er ihnen die Liebe Gottes ans Herz legen wollte. Ich sehe es so: Jesus hatte tief ausgelotet und verstanden, dass überlebte Glaubenssätze vom Thron geholt werden müssen, dass lebensbehindernde Introjektionen vom Kopf auf die Füße gestellt werden müssen und damit befreien statt unterdrücken.
In unserer Predigtgeschichte zielt der Evangelist Matthäus direkt auf die überholten Glaubenssätze der Religion seiner Landsleute, der jüdischen Bevölkerung und ihrer Pharisäer und Schriftgelehrten. Jesus hatte mit seinen Jüngern und Jüngerinnen die alte jüdische Tradition über Bord geworfen, regelmäßig zu beten, Almosen zu geben und zu fasten. Gebete, Almosen, Fasten verstanden Traditionsorientierte damals als eine ordentliche Pflicht, als religiös-menschliches Opfer für Gott. Theologieprofessor Eugen Drewermann kommentiert dieses Opferdarbringen und beschreibt, dass Jesus Gott vertraute ohne das Gefühl, Opfer für Gottes Gunst erbringen zu müssen. Zitat: „Da verkündet Jesus einen Gott, der bereitsteht, dem Menschen zu vergeben, einfach, weil er es nötig hat - bedingungslos und ohne Vorleistung; und wenn das gilt, so ist kein Fasten nötig; ja, dann ist alles Fasten überflüssig und schädlich; die ganze Opferei hindert den einfachen, vertrauensvollen Zugang zu Gott! So und nicht anders, in prophetischer Klarheit, lautet die sichere und feste Erfahrung Jesu. (Eugen Drewermann: Das Matthäus-Evangelium. Zweiter Teil. Seite 116) Für uns heute übersetzt Drewermann die Haltung Jesu folgendermaßen: „Gilt das Fastengebot, wie es bisher war, gelten überhaupt die alten Vorschriften von Opfer, Buße und Selbstzerknirschung als Grundlage des Weges zu Gott, dann hat man notwendig eine ewig geduckte (Religiosität; d. Verf.), eine verängstigte, eine von außen gelenkte, eine unfreie Form der Religiosität vor sich; ein solches göttlich geregeltes Leben gleicht einem englischen Rasen, auf dem nichts wachsen kann, was wirklich lebendig ist: keine Blumen, keine Sträucher, keine Pracht der bunten Farben, sondern Gott selber tritt da auf wie ein Rasenmäher, der alles gleich macht.“ (Ebenda. Seite 118) Darum holte Jesus die überlebten Glaubenssätze, die lebensbehindernden Introjektionen, vom Thron. Und wir können es ihm gleichtun. Indem wir von Gott reden, der unendlich gütig und zugewandt ist und keine Opfer braucht. Natürlich kann das Fasten sinnvoll sein, wenn ich mich einüben möchte, Gier oder zu großen Konsum zu mäßigen. Aber wenn ich meine, vor Ostern und im Advent fasten zu müssen, um Gott zu gefallen, dann bin ich im Netz alter Glaubenssätze gefangen. Glaube will aber heilen und aufbauen. So wie Jesus damals heilte und Menschen aufbaute. Unser Glaube ist ein Exit to heaven, Glaube will unsere Lebendigkeit stärken, will uns Freiheit schenken, will uns motivieren, mit liebevollem Herzen auf uns selbst zu schauen und mit liebevollem Herzen alles wahrzunehmen, was leben möchte. Es lohnt sich, die alten Kleider abzustreifen und - wie Jesus sagt - neuen Wein in neue Schläuche zu füllen. Ich glaube, dafür stehen wir ein in 'Kreuz'! Amen
 
 
Bild und alle Rechte: Katharina Lechner
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Zusammenstellung: J.Koke


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