Predigt - Kreuzkirche Lüneburg

Kreuzkirche Lüneburg
Kreuzkirche
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Predigt

Gottesdienst
23.08.2020 , 11. Sonntag nach Trinitatis, Pastor Skowron

Luk 18,9 Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
 
Liebe Gemeinde,
 
man kann schnell selbstgerecht werden und wenig einfühlsam, wenn man auf der Sonnenseite des Lebens steht. Besonders deutlich wurde mir dies in den Jahren, als ich die amerikanische Gesellschaft kennenlernte. Viele von Ihnen wissen: Ich habe drei Jahre lang in El Paso, Texas, gelebt. Die Sonnenseite der amerikanischen Gesellschaft ist, dass man mit einer guten Geschäftsidee sehr erfolgreich sein kann. Viele Menschen sind mit ihrer Geschäftsidee Millionäre oder sogar Milliardäre geworden. Bill Gates ist ja nur ein Beispiel von vielen. Das Folgende trifft wohl nicht auf Bill Gates zu, aber die Gefahr besteht: Wer viel hat, schaut auf diejenigen herab, die es nicht zu Wohlstand gebracht haben. Ich erinnere eine Wahlkampfrede von Präsident George Bush jr. vor einer Versammlung aus der Wirtschaftselite der USA. Er adressierte sie stolz und freudig als die "Haves", als diejenigen, die was haben, und es wirkte herablassend, als er dann noch die "No Haves" am Rande erwähnte, also diejenigen, die nicht wirklich etwas haben. Ich hatte den Eindruck, er spricht überheblich und selbstgefällig.
  


Man kann auch schnell selbstgerecht werden und wenig einfühlsam, wenn man mit Fleiß und Einsatz sein Leben im Griff hat. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem sehr freundlichen, sympathischen Hauptmann der US Army. Er war Schwarzer und hatte sich früh mit Fleiß und Einsatz seinen Aufstieg in die Offizierslaufbahn erarbeitet. Seine Frau, die ebenfalls erfolgreich ihren Weg gegangen war, hatte ihr erstes Kind geboren. Sie waren eine junge, glückliche Familie. Sie standen materiell gut da und waren abgesichert durch eine Krankenversicherung. In dem besagten Gespräch mit ihm äußerte ich mich zu der schwierigen Situation in der amerikanischen Gesellschaft, dass man mindestens 20 Stunden angestellt sein musste bei ein- und demselben Arbeitgeber, um den Arbeitgeberanteil am Krankenversicherungsbeitrag zu erhalten.
 
Ob es heute noch so ist, weiß ich nicht.
 
Aber damals konnte eine Angestellte 30 Stunden in der Woche arbeiten – aufgeteilt auf zwei Arbeitgeber, sagen wir: bei McDonalds und bei Whataburger  -, aber musste ihre Krankenversicherung zu 100% selbst bezahlen. Mit der Folge, dass solch eine Arbeitnehmerin nur eine geringe Krankenabsicherung hatte oder gar keine. Damit war sie armutsgefährdet. Der freundliche Offizier der US-Army hielt mir sehr aufgebracht entgegen, dass das, was ich sage, Kommunismus wäre. Es wäre nicht Aufgabe von versorgenden staatlichen Gesetzen, die Eigenverantwortung von Menschen zu schmälern. Obwohl er ein so sympathischer, freundlicher Mann war seinem Wesen nach, vertrat er sehr hart die Anschauung des American dreams: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Wie wenig einfühlsam und sozial gerecht seine Haltung war, vermochte er nicht einzusehen.
 
 
Jesus spricht im Lukasevangelium an, dass man schnell selbstgerecht, überheblich und uneinfühlsam werden kann, wenn man auf der Sonnenseite des Lebens steht oder sein Leben besonders gut im Griff hat. Jesus erwähnt in diesem Zusammenhang einen Pharisäer, der davon überzeugt ist, dass er sein Leben vor Gott besonders gut im Griff hat. Der Pharisäer war sehr einsatzbereit: Er fastete mehr, als das jüdische Gesetz von ihm verlangte.   Er hätte es nicht tun müssen, aber er gab für alle Grundnahrungsmittel 10 % Spende ab in der Sorge, der Verkäufer hätte den Zehnten noch nicht selbst entrichtet. Damit sicherte sich der Pharisäer ab gegen die Möglichkeit, dass er ohne es zu wissen vor Gott das Gesetz brach. Er hatte sein Leben wirklich im Griff! Aber er verstand nicht die innere Not des Zöllners, welcher sich verstohlen und schuldbewusst mit ihm in den Tempel begeben hatte zum Beten. Mehr noch: Er verachtete den Zöllner als Räuber und Betrüger und stellte sich über ihn, indem er Gott dankte, dass er nicht so wäre wie dieser Zöllner auf der Schattenseite des Lebens. Mitgefühl hätte der Zöllner vom Pharisäer nicht erwarten dürfen.

 
 
Dabei wäre Mitgefühl eine angemessene Reaktion gewesen. Denn der Zöllner fühlt sich zutiefst schuldig. Sein Grundgefühl ist, dass er sich bei Gott nicht sehen lassen darf; nicht sichtbar stellt er sich deswegen hin, heißt es in der Geschichte, reuevoll und zerknirscht. Zerknirscht auch, weil er sein Leben nicht mehr herumreißen konnte. Nach den Forderungen des jüdischen Gesetzes hätte er seinen Beruf aufgeben und eine Wiedergutmachung starten müssen. Diese Wiedergutmachung hätte darin bestanden, die zu hoch angesetzten Zollgebühren für die Waren von Händlern zurückzuzahlen und zusätzlich noch ein Fünftel draufzulegen. Weder hätte er dazu die finanziellen Mittel gehabt noch konnte er unmöglich alle übervorteilten Händler benennen und erreichen, die in den Jahren seinen Zollbezirk betreten hatten. Nach den Normen des jüdischen Gesetzes war seine Lage nicht zu retten und er selber wusste das. Darin bestand seine Verzweiflung. (Drewermann: Lukas. II. Bd. S. 405 ff.) Deshalb war er im Grunde ein gebrochener Mann.
 
 
Jesus will mit dieser Geschichte erstens sagen: Gott stellt nicht die Bedingung, dass man sein Leben im Griff hat oder auf der Sonnenseite des Lebens steht. Zweitens meint Jesus: Gerade wenn dein Leben dir ausweglos erscheint, be-trete den Tempel Gottes. Mit anderen Worten: Anvertraue dein Leben Gott. Halte es ihm hin. Vor ihm darfst du sein, auch wenn andere dich kritisieren oder verurteilen. Drittens will Jesus betonen: Die Tragik im Leben des Zöllners ist mit Händen zu greifen und nicht änderbar. Gerade deswegen bleibt Gott ihm gütig zugewandt. Viertens: Jesus erwartet von denjenigen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen bzw. ihr Leben im Griff haben, die Gott danken für ihr wunderbares Leben, dass sie von Gottes Güte lernen und nicht überheblich oder erbarmungslos Menschen begegnen, deren Leben tragische Brüche hat oder deren Leben durch Fehlentscheidungen aus dem Ruder gelaufen ist.
 
 
Wenn wir uns in die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner hineinnehmen, wo stehen wir dann? Eher auf der Seite des Pharisäers, dass wir so gut sind und von uns selbst überzeugt sind? Oder eher auf der Seite des Zöllners, dass wir spüren, wie hilflos wir manchmal sind, wie widersprüchlich oder innerlich zerrissen?
 
 
Oder stehen wir auf beiden Seiten, dass wir gut sind und von uns selbst überzeugt, aber gleichzeitig gibt es tragische Brüche in unserem Leben und wir denken oder verhalten uns auch widersprüchlich?
 
Nehmen wir uns einen Moment der Stille, dass jede und jeder für sich nachdenken kann: Wo stehe ich in dieser Geschichte? Auf Seiten des Pharisäers oder des Zöllners oder trage ich beide in mir? Bin ich beide zugleich?
 
… Stille …
 
Meine Position in der Geschichte ist zum einen die des Pharisäers. Ich bin schon davon überzeugt, dass ich das, was ich mache, gut mache. Ich bin fleißig und einsatzbereit. Andere würden sagen: Er hat sein Leben gut im Griff. Aber hiermit verbindet sich auch eine Schattenseite, dass ich merke: Es kommen immer wieder auch in mir Gedanken hoch, dass ich von anderen erwarte, sie seien ebenso gut, fleißig und einsatzbereit in ihrem Beruf. Wenn sie es nicht sind, urteile ich darüber und spreche mein negatives Urteil manchmal auch anderen gegenüber aus. Hier sehe ich für mich noch Luft nach oben … hin zu mehr Verständnisbereitschaft.
 
 
Meine Position in der Geschichte ist zum anderen die des Zöllners. Ich nehme auch Widersprüchlichkeiten in meinem Leben war, die ich auf meinem Weg der Selbstwerdung noch nicht heilen konnte. Es gibt auch tragische Brüche in meinem Leben. Es gibt Schuld, die ich nicht wieder gutmachen kann. Wenn ich mit dieser Seite in mir in Kontakt bin, dann spüre ich, dass mein Verständnis wächst und ebenso mein Mitgefühl mit anderen, die ihr Leben nicht im Griff haben, die von der Norm abweichen, die meinen Erwartungen nicht entsprechen.

 
Und dann geht mir auf, wenn Gott hohe Ansprüche stellen würde, dass auch ich sicher nicht seinen Erwartungen entspreche. Aber gerade diese Geschichte vom Pharisäer und Zöllner legt mir ans Herz, legt auch Ihnen ans Herz: Ich bin/wir sind nicht nur teilweise und bedingungsweise angenommen bei Gott. Es ist immer wieder die Güte Gottes, die uns hält und trägt in unseren Widersprüchlichkeiten. Es ist immer wieder die Güte Gottes, von der ich lernen kann/ von der Sie lernen können, gütig und verständnisvoll mitfühlend zu sein. Amen
Foto:Cigdem Büyüktokatli  / pixelio.de + Martin Schemm  / pixelio.de


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