Predigt - Kreuzkirche Lüneburg

Kreuzkirche Lüneburg
Kreuzkirche
Direkt zum Seiteninhalt

Predigt

Gottesdienst
16. Sonntag  nach Trinitatis 2019 Erntedank , Vernissage     -     Pastor Skowron

Was Christus uns schenkt, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft im Hl. Geist, sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde,

im Buch der Psalmen heißt es (Ps 30,13 und Ps 9,2) „Ich will dir danken, Herr, aus ganzem Herzen!“ Und bei Wikipedia lese ich "Dankbarkeit ist eines der wesentlichsten Gefühle, das Religionen in ihren Anhängern erwecken und erhalten wollen; sie gilt daher als universelle religiöse Haltung".
 
Was aber ist, wenn mir Dank schwer fällt? Ist mir dann der Zugang zu einem der wesentlichsten Gefühle vorenthalten? Bin ich dann vielleicht auch kein würdiges Mitglied unserer christlichen Religion?
 
Gehöre damit eigentlich auch nicht in diesen Gottesdienst?
 
Denn beim Erntedankfest steht ja das Danken im Mittelpunkt. Ganz selbstverständlich. Unhinterfragt.
 
Aber Fragen sollten immer erlaubt sein. Dankbarkeit ist nämlich nur eine Seite der Medaille, auf deren anderer Seite Klage steht. Ich darf auch beim Erntedankfest in mir aufsteigen lassen, was oder wen ich vermisse, was ich beklage oder betrauere, was mich wütend macht oder enttäuscht sein lässt. Denn Klage ist auch eine religiöse Haltung.
 
Ich meine, vor Gott darf alles sein. Wir müssen hier also nicht auf Knopfdruck dankbar sein.
 
Aber vielleicht tut es gerade gut, falls ich den Zugang zum Danken zurzeit nicht finde, mein Hören und Sehen zu weiten und zumindest wahrzunehmen, worauf andere Menschen ihren Dank beziehen. Vielleicht tut es gut, mich in gewisser Weise auch ein Stück mitziehen zu lassen. Denn es stimmt schon, dass Dankbarkeit einen entscheidenden Einfluss auf unser Leben hat.
 
 
Ich habe - wieder bei Wikipedia - einen psychologischen Bericht gelesen, der diesen Einfluss aufs Leben durch Dankbarkeit beschreibt. Ich zitiere:
 
"Ein großer Teil neuerer Arbeiten zeigt, dass Menschen, die dankbarer sind, sich subjektiv besser fühlen. Dankbare Menschen sind glücklicher, weniger depressiv, weniger unter Stress und zufriedener mit ihrem Leben und ihren sozialen Beziehungen.[19][22][23] Dankbare Menschen haben auch ihre Umgebung, ihr persönliches Wachstum, ihren Lebenssinn und ihr Selbstwertgefühl besser unter Kontrolle.[24] Dankbare Menschen haben mehr positive Möglichkeiten mit den Schwierigkeiten in ihrem Leben umzugehen, bitten andere Menschen wahrscheinlicher um Unterstützung, wachsen anhand dieser Erfahrung und verwenden mehr Zeit, um zu planen, wie sie mit dem jeweiligen Problem umgehen sollen.[25] Dankbare Menschen haben auch weniger negative Bewältigungsstrategien, versuchen weniger leicht, das jeweilige Problem zu vermeiden oder wegzudefinieren, sie suchen Schuld weniger bei sich selbst oder bewältigen das Problem weniger durch Drogengebrauch.[25] Dankbare Menschen schlafen besser, vermutlich weil sie weniger negative, mehr positive Gedanken vor dem Einschlafen haben.[26]"
 
 
Diese psychologischen Forschungsergebnisse führe ich nicht an, um durch die Hintertür zu appellieren, ganz gleich wie Sie sich heute Morgen fühlen: Hopp, hopp, hinein in die Dankbarkeit. Oder zurück in die Dankbarkeit. Es bleibt dabei: Man kann nicht auf Knopfdruck dankbar sein. Aber die Forschungsergebnisse zeigen, was ich zu Beginn sagte: Dankbarkeit ist ein wesentliches und hilfreiches Lebensgefühl.
 
 
Darum könnten wir jetzt fragen: Was ebnet den Weg zur Dankbarkeit?  
 
Ich versuche diese Frage zu beantworten mit dem alten Wort „gewahren“. Gewahren bedeutet, jemanden oder etwas mit seinen Sinnen zu erfassen: Mit Hören, Sehen, Berührung spüren, Riechen, Schmecken. Sie sehen hier vorne die Erntegaben. Wenn Sie jetzt nach vorne kämen, einen Apfel in die Hand nähmen, an ihm riechen, in ihn hineinbeißen und schmecken, wie saftig er ist und wie eher sauer oder süß, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihnen bewusst wird: Ich bin dankbar, dass ich einen Apfel genießen kann.
 
 
Zum Tätigkeitswort gewahren gehört das Hauptwort Gewahrsein. Es gibt mehrere Internetseiten zu Gewahrsein. Auf einer (https:// www.gewahrsein.net/achtsamkeit) habe ich folgenden Hinweis entdeckt: „Es gibt nur das Gewahrsein oder den Mangel an Gewahrsein dafür, was in unserem Leben vor sich geht.“ Also je mehr ich mit meinen Sinnen bemerke, was in meinem Leben vor sich geht – von Moment zu Moment, so oft es mir möglich ist -, umso mehr kann mir bewusst werden, wofür ich dankbar bin. Und mit Gewahrsein kann ich wahrnehmen und zugleich auch unterscheiden...etwa: Arthrose oder Rheuma schmerzt mich, aber ich spüre hier auch, wie ich atme und sitze, höre und singe und das macht mich dankbar in meinem Geist und in meiner Seele. Sie merken, liebe Gemeinde, dass in meinem letzten Satz nicht nur Sinne arbeiten, sondern auch ein Innewerden und Begreifen. Wenn ich etwas wirklich gewahre, dann erfasse ich es mit meinen Sinnen, gehe in mich und verstehe und begreife, was gerade ist. In solchem Moment ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass ich meiner Dankbarkeit innewerde. Ich habe natürlich die Freiheit, mich auch anders zu entscheiden und zu werten: Wieso, was ich gerade erlebe, ist doch selbstverständlich, dafür brauche ich nicht dankbar zu sein! - Aber ich glaube, es ist jetzt deutlich geworden, was den Weg ebnet zur Dankbarkeit.
 
 
Hinter den Arbeiten unserer Kunstausstellung mit Titel Dankbarkeit steht Gewahrsein. Was haben die Künstler der „neue(n) formation kunst Bardowick“ durch ihr Gewahrsein entdeckt? Wofür sind sie dankbar? Ich möchte überwiegend das Alltägliche oder sogenannt Selbstverständliche hervorheben. Ich bitte die Kunstschaffenden um Verständnis, dass ich hier nur auf 3 Arbeiten eingehen kann. Schließlich wollen wir heute auch noch pünktlich die Vernissage eröffnen und ein Glas Orangensaft oder Sekt trinken. Verantwortlich für die Auswahl der nun folgenden Arbeiten ist in mir der Einfluss von Zufall und spontanem Erfassen.
 
 
Brickpunk nennt man diese Kunstart. Brick ist ein englisches Wort und heißt übersetzt Stein. Wir haben hier also kein Gemälde vor uns, sondern einen Wohnraum erschaffen mit Kunststoff Mini-Bausteinen. Wir sehen eine Küche, die gleichzeitig viel mehr ist, im Grunde eine kleine Wohnung bzw. ein Lebensraum im wahrsten Sinne des Wortes. Mir sagt dieses Werk: Für das scheinbar Selbstverständliche, eine Küche, bin ich dankbar. Danken kann ich auch für das Essen, das in der Küche zubereitet wird. Ebenso für Wasser, Strom oder Gas, für Geschirr, für kulinarische Genüsse und gemeinsamen Austausch beim Essen könnte ich danken. Sie sehen rechts im Bild ein weißes Bett. In dieser Küche würde ich am Ende des Abends sogar übernachten können. Was für eine behagliche Küche! Vielleicht mögen Sie in den nächsten Tagen einmal besonders Ihre Küche wahrnehmen und was darin passiert, um zu gewahren, welcher Dank in Ihnen aufsteigt.

 
Für den Herbst mit seiner Farbenpracht und seinen Früchten möchte ich danken. - Vielleicht kennen Sie das auch: Mein Geist dankt und reagiert gleichzeitig widerspenstig. Es sind die Gedanken, die bedauern, dass der Sommer vorbei ist und das Jahr schon fast rum. Aber das Gewahren ruft die Gedanken zurück und holt den Moment ins Erleben, in dem ich die Farbenpracht der Blätter bestaune oder mich an den lustigen Formen der Kastanien oder der vielen verschiedenen Pilzsorten erfreue. Offenbar hat Gott auch sehr viel Humor angewandt, als er die Genetik und Evolution als Entwicklungsprinzip dieser Welt festlegte. Meine Pilze würden jedenfalls nicht knollig oder regenschirmartig aussehen, wenn ich sie erdacht hätte. Ich würde sie an Bäumen reifen und herunterhängen lassen wie lange brasilianische Zigarren. Das fände ich auch ernte- und verarbeitungspraktisch. Für die ungiftigen Pilze, versteht sich. Humor in der Schöpfung nun beiseite! Für die Farbenpracht der Blätter und die Früchte des Herbstes bin ich dankbar.
 
 
Die Natur ist ein filigraner Kosmos mit unerschöpflicher Formen- und Artenvielfalt. Wir können uns daran gar nicht satt sehen, wie dieses Foto wunderbar demonstriert. Wenn mir nicht zum Danken zumute ist, kann es hilfreich und heilsam sein, dass ich mich auf eine Entdeckungsreise in die Natur einlasse. Dafür brauche ich nicht nach Indonesien oder Hawaii zu fliegen, sondern kann hier in den Wald gehen und beispielsweise den Kosmos eines Ameisenhaufens beobachten und danken für die Kraft und Kommunikationsweise dieser kleinen Wesen. Vielleicht wird mir darüber bewusst, welche Kraft in mir selbst steckt und wie viel Gutes ich mit meinem Verstehen und Reden schaffen kann.
 
 
Es gäbe noch so viele Beispiele anzuführen, um ins Bewusstsein zu holen, wofür wir dankbar sein können. Aber mir kommt es nicht auf die Vielzahl der Beispiele an, sondern ich möchte zurückkehren zu unserem Ausgangspunkt. Die Psychologie kann mit Studien belegen, dass Dankbarkeit guttut und die Lebensstimmung und Lebensqualität hebt. Aus religiöser Sicht haben wir einen Adressaten für unseren Dank. „Ich will dir danken, Herr, aus ganzem Herzen!“, heißt es in den Psalmen. Diese religiöse Sicht ist nicht zwingend überzeugend. Man kann ja aus philosophischer Haltung heraus vertreten: Es gibt keinen Gott, keinen Grund des Seins, keine göttliche Segenskraft. Mir persönlich - ich spreche jetzt nicht als Pastor, sondern schlicht als Mensch ohne Funktion und Amt - mir persönlich ist diese philosophische Haltung zu kalt oder leer. Vielleicht sage ich dies aber auch nur, weil ich in eine gläubig-spirituelle Sicht auf das Leben hineingewachsen bin als Jugendlicher. Zu dieser spirituellen Sicht passt die Deutung, wie wir sie in der ersten Lesung heute gehört haben: „Wenn dieses Gute nun kommt, sagt nicht: »Das haben wir aus eigener Kraft geschafft, es ist unsere Leistung!«18 Denkt vielmehr an den HERRN, euren Gott, von dem ihr die Kraft bekommen habt, all diesen Reichtum zu erwerben!“ (5. Mose 8) Es schenkt mir Frieden, auch Trost, vor allem einen frohen Sinn, Gott zu danken für meine behagliche Wohnung, für die farbenprächtigen Herbstblätter, für den filigranen Kosmos mit seiner unerschöpflichen Formen- und Artenvielfalt. Entscheidend für uns alle aber ist unabhängig von einem religiösen Lebensverständnis: Dankbarkeit ist eines der wesentlichsten Lebensgefühle. Amen


Bilder: neue formation kunst Bardowick, alle Rechte vorbehalten
Kommentare, Fragen, Diskussionen zu Predigt?

Angaben gemäß § 5 TMG und Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV:
Der Kirchenvorstand der Kreuzkirchengemeinde Lüneburg
Röntgenstr. 34
21335 Lüneburg
Zusammenstellung: J.Koke


Made with WebSite X5

Kontakt:
Info@Kreuzkirche-Lueneburg.de
Buero@Kreuzkirche-Lueneburg.de
J.Koke@Kreuzkirche-Lueneburg.de
Gemeindebüro Telefon: 04131/ 731 434


Zurück zum Seiteninhalt