Predigt - Kreuzkirche Lüneburg

Kreuzkirche Lüneburg
Kreuzkirche
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Predigt

Gottesdienst
16.11.2020 - Volkstrauertag

Liebe Gemeinde,
wir haben der Toten gedacht, der Opfer und Leidenden durch Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus. Solches Gedenken ernst zu meinen, heißt auch, sich am Volkstrauertag der Verantwortung für Frieden bewusst zu sein oder bewusst zu werden. Deshalb endet das Gedenken mit dem Bekenntnis: Wir sind im Herzen verbunden mit Müttern und Vätern, mit allen, die Leid tragen um die Toten. Wir glauben: Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.
Eine Weisheitsgeschichte beschreibt, wie wir uns - jede und jeder einzelne von uns - für Frieden einsetzen können. Die Geschichte heißt:
Es gibt keinen Weg zurück
In jenen Tagen, als der heilige Jeremias schon ein alter Mann mit weißem Bart war und auf ein langes Leben zurückblicken konnte, saß er mit seinen Freunden im Kaffeehaus zusammen und erzählte aus seinem Leben.
Als junger Mann hatte ich ein feuriges Temperament und es drängte mich die Welt zu verändern. Täglich betete ich zu Gott, mich mit außergewöhnlichen Kräften zu segnen, damit ich die Menschen bekehren und die Welt zu einem besseren Ort machen könne.”, sagte der heilige Jeremias und fuhr nach einer nachdenklichen Pause fort: “Doch in meinen mittleren Lebensjahren wachte ich plötzlich auf und erkannte, dass die Hälfte meines Lebens vorbei war, ohne dass ich die Welt verändert hatte. Von nun an bat ich Gott, mir Kraft zu schenken, um all die Menschen zu erretten, die mir nahe standen und es am Nötigsten brauchten. ...
Jetzt, da ich ein alter Mann bin und meine Tage gezählt sind, ist meine Bitte an Gott bescheidener geworden. Mein einziges Gebet lautet nun: “Herr, gewähre mir die Gnade, mich selbst zu verändern.” Wäre nur das von Anfang an meine Bitte gewesen, ich hätte mehr erreicht.”

Diese Geschichte sagt uns: Engagement für den Frieden beginnt mit mir selbst ... je älter ich werde, umso friedfertiger zu sein. Friedfertig zu sein im Geist und im Herzen... besser nicht erst im hohen Alter wie beim heiligen Jeremias, sondern gern schon als Jugendlicher oder junger Erwachsener oder in der Lebensmitte. Vorausgesetzt: Es gibt denn begleitende Menschen, die unsere Bewusstheit stärken, wie wichtig ein friedvolles Miteinander ist. Solche Menschen an der Seite zu haben, ist ein Geschenk … oder wie die Weisheitsgeschichte sagt: eine Gnade Gottes, ein Geschenk Gottes.

Solch ein Begleiter, der das Bewusstsein für Frieden stärkt, war zum Beispiel der Jude Schalom Ben-Chorin, der von 1913-1999 lebte. Er hat mit wenigen Worten beschrieben, wie man Frieden sucht und schafft. Ich zitiere:

"Wer Frieden sucht
wird den anderen suchen
wird Zuhören lernen
wird das Vergeben üben
wird das Verdammen aufgeben
wird vorgefasste Meinungen zurücklassen
wird das Wagnis eingehen
wird an die Änderung des Menschen glauben
wird Hoffnung wecken
wird dem anderen entgegenkommen
wird zu seiner eigenen Schuld stehen
wird geduldig dranbleiben
wird selber vom Frieden Gottes leben -
Suchen wir den Frieden?"

Wir leben in einer Zeit, in der diese einfachen Worte eine Gesellschaft verändern können, wenn sie denn gelebt werden. Donald Trump hat sich 4 Jahre lang so verhalten, dass er jeden Satz von Schalom Ben-Chorin ins Gegenteil verkehrte. Er wirkte mit seinen groben, z.T. militanten Worten, mit seiner Verdammung politisch Andersdenkender oder Verdammung politischer Freunde, mit seinen fake news auf Twitter ganz stark und selbstbewusst. Aber wer so redet wie er, ist von tiefer Angst geprägt; ist von ganz geringem Selbstwertgefühl geleitet. Er kaschiert seine Schwächen durch demonstrative Stärke. Wer Augen hat zu sehen, möge es erkennen. In diesen Tagen hören wir, wie der zukünftige amerikanische Präsident Joe Biden wirklich bescheidene, unaufdringlich selbstbewusste Reden hält: Sie verdammen nicht, sie suchen den anderen, kommen dem anderen entgegen. Er bot der Republikanischen Partei an: Sehen wir uns doch nicht als Feinde, zutreffend ist doch: Wir sind lediglich politische Opponenten. Es wäre viel für den Frieden getan, wenn die Hardliner in der Republikanischen Partei das Angebot annehmen. Es wäre überaus viel getan, wenn jedes einzelne Mitglied der Partei die gereichte Hand nimmt. Jede und jeder Einzelne kann einen Unterschied machen, jede/r von uns kann Schritte zum Frieden gehen oder mit Schritten sich vom Frieden entfernen.

Eigentlich war das schon immer so. Auch zur Zeit der Weimarer Republik im Übergang zum Dritten Reich. Wenn jede und jeder bei der Reichstagswahl 1933 gesagt hätte: Ich wähle keinen Politiker, der aus nicht eingestandener Angst ein Schreckgespenst aufbaut mit seinen Feindbildern, dann hätte es keinen II. Weltkrieg gegeben und wir müssten heute nicht der Opfer gedenken.

Dass jede und jeder Einzelne etwas verändern kann, gerade indem er Feindbilder zurücknimmt, hat keiner so sehr hervorgehoben wie Jesus. Der Predigttext, den ich für heute ausgesucht habe, bringt Jesu Haltung auf den Punkt.
Ich lese aus dem
Lukasevangelium, Kapitel 6, die Verse 27-35:

27Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
29Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
32Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. 33Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. 34Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. 35Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Können wir das umsetzen - jede und jeder von uns -: Liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen? Eine schnelle Antwort ist: Nein, das geht nicht.
Wenn wir so antworten, machen wir uns bitte bewusst: Wollen wir stattdessen das Gegenteil? Friedrich Nietzsche beschreibt dieses Gegenteil: „… dass man sich wehrt; dass man auf seine Ehre hält; dass man seinen Vorteil will; dass man stolz ist …“. (Drewermann: Das Lukas Evangelium. Bd. 1.Seite 417) Die Welt verhält sich so, schreibt Nietzsche, nicht aber das Christentum. Ich finde, seine Zuspitzung ist eine hervorragende Inspiration für mich, vielleicht für uns alle. Was will ich? Wofür stehen wir als Christen?

Oder … gäbe es eine Alternative im Mittelmaß? Ich persönlich sehe mich in diesem Mittelmaß: Hier Freundlichkeit und liebende Güte, dort mich wehren und Recht haben, nicht verzichten, nicht die andere Wange hinhalten.
Dieses Mittelmaß ist wohl gängig. Aber schafft es wirklich Frieden, wie Jesus es wollte?

Mutter Teresa kann mir, kann Ihnen Mut machen. Sie setzt darauf, dass wir uns immer neu entscheiden können, in jeder schwierigen Situation uns anders als mittelmäßig aufzustellen. Ich zitiere ihre Worte mit der Überschrift:

Trotzdem
Die Menschen sind unvernünftig, irrational und egoistisch.
Liebe diese Mensche trotzdem.
Wenn du Gutes tust, werden dich die Menschen beschuldigen, dabei selbstsüchtige Hintergedanken zu haben.
Tue trotzdem Gutes.
Wenn du erfolgreich bist, gewinnst du falsche Freunde und wahre Feinde.
Sei trotzdem erfolgreich.
Das Gute, das du heute getan hast, wird morgen schon vergessen sein.
Tue trotzdem Gutes.
Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar.
Sei trotzdem ehrlich und offen.
Die Menschen bemitleiden Verlierer, doch sie folgen nur den Gewinnern.
Kämpfe trotzdem für ein paar von den Verlierern.
Woran du Jahre gebaut hast, das mag über Nacht zerstört werden.
Baue trotzdem weiter.
Die Menschen brauchen wirklich Hilfe, doch es kann sein, dass sie dich angreifen, wenn du ihnen hilfst.
Hilf diesen Menschen trotzdem.
Gib der Welt das Beste, was du hast, und du wirst zum Dank dafür einen Tritt erhalten.
Gib der Welt trotzdem das Beste.
Letztendlich ist dann alles eine Angelegenheit zwischen dir und Gott.
Sowieso war es nie eine Angelegenheit zwischen dir und anderen. (Mutter Teresa)

Was sie hier praktisch beschreibt, ist, zu lieben. Auch Anfeindungen zum Trotz. Jesus sagt: Liebt eure Feinde. Im Nachsatz erklärt er, was damit gemeint ist: ihnen Gutes zu tun.
Je mehr ich in meiner Bewusstheit verankere, auch denjenigen Gutes zu tun, die es meiner Meinung nach nicht verdient haben, umso öfter wird es mir gelingen. Aber es wird auch viele Situationen geben, in denen ich es nicht schaffe. Vielleicht geht es Ihnen genauso. Wie gehen wir damit um?
Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zum Abschluss noch eine buddhistische Weisheitsgeschichte vorlesen.

Ein Schüler sagt: "Meine Meditationen sind furchtbar. Ich bin dauernd abgelenkt, denke an alles Mögliche, meine Glieder tun weh und ich schlafe immer ein."
Der Lehrer antwortete schlicht: "Das geht vorüber"
Eine Woche später kam der Schüler wieder und sagte:
"Мeine Meditationen sind herrlich, ich bin total klar, konzentriert und im Frieden."
Der Lehrer antwortete schlicht: "Das geht vorüber."

Ja, so ist es. Wenn wir merken, dass wir in dieser oder jener Situation im Alltag nicht liebend reagieren, dann wissen wir: Das geht vorüber. Weil wir uns entschieden haben, immer bewusster der Liebe Raum zu geben in unserem Leben. "In der Liebe ist mehr Kraft als in irgendeiner anderen Macht. Jeder Mensch kann sie erfahren, sie einem anderen zugänglich machen. Sie ist der Frieden."
(https://www.gutzitiert.de/biografie_richard_freiherr_von_weizsaecker-bio1651.html)
Amen
Bilder: www.postkarte-verschicken.de - Axel Müller  / pixelio.de,  Andreas Hermsdorf  / pixelio.de


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