Predigt - Kreuzkirche Lüneburg

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Predigt

Gottesdienst
11.11.18, Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres

1. Joh. 4,16b: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Liebe Gemeinde, liebe Emma,
dir war das ganz klar: Deine Taufe, liebe Emma, hast du zutiefst gewollt. Wie schön, dass wir sie heute hier gefeiert haben. Du gibst nicht nur dir mit der Taufe einen wegweisenden Impuls fürs Leben, sondern auch uns allen hier. Wir können uns fragen, so wie du es getan hast, was wir zutiefst wollen. Es ist sowohl für unseren Lebensweg als auch für unseren Glaubensweg eine Bereicherung, wenn wir immer wieder einmal innehalten und uns fragen, was wir zutiefst wollen. Adyashanti, ein amerikanischer Buddhismuslehrer, der auch studiert hat, wer Jesus ist und der Jesus sehr wertschätzt, … Adyashanti hat einmal gesagt über den Glaubensweg (er benutzt nicht den Begriff Glaubensweg, sondern Spiritualität, meint aber damit den Weg des Glaubens)...Adyashanti hat gesagt:
In der Ego-Dimension des Bewusstseins haben wir oft viele Wünsche, die miteinander im Streit liegen. Wir wollen und mögen viele Dinge, und manche Wünsche und Werte sind im Widerspruch zu anderen Wünschen und anderen Werten. Ein wesentlicher Teil der Spiritualität liegt darin, ein Gefühl von Klarheit zu bekommen für das, was wir zutiefst wollen, zutiefst wertschätzen – und für das, was wir dafür aufzugeben bereit sind.“ (Adyashanti: Jesus, der Zenmeister. S. 161)

Du hast mit deinem Taufspruch genauer festgelegt, was du zutiefst wertschätzt, liebe Emma: Dass Gott Liebe ist. Man kann die beiden Worte Gott und Liebe füreinander einsetzen oder miteinander austauschen. Sie ersetzen sich gegenseitig und füllen sich gegenseitig mit Inhalt. Gott ist Liebe und darum kommt überall, wo die Liebe ist, Gott zum Vorschein. Oder umgekehrt, wo Gott ist, kommt die Liebe wirklich zum Vorschein. Wo begegnet uns die Liebe? Man könnte auch fragen: Wo begegnet uns Gott? Überall, wo wir erfahren, dass wir geliebt werden, lautet die Antwort. Eine ganz einfache, gut verständliche Antwort. Liebe Emma, liebe Gemeinde, wenn wir spüren, hier oder dort wird uns Liebe entgegengebracht, vielleicht erst einmal in der Erscheinungsform von Freundlichkeit oder Güte, also auch die begrenzte Liebe führt uns zu der Wahrnehmung: Hier ist Gott gegenwärtig.

Jeder, der nicht den Weg des Glaubens betreten möchte, darf natürlich zurecht einwenden: Da istnicht Gott gegenwärtig, sondern nur Liebe. Diesen Einwand können wir nicht entkräften. Aber wir haben ja eine spirituelle Sicht, die sagt, dass Gott Liebe ist. Und dabei dürfen wir guten Gewissens bleiben.

Gott ist die Liebe und „Liebe macht Menschen aus uns,“ sagt Willigis Jäger. Willigis Jäger ist ein hochbetagter Benediktinerpater, Zen-Meister und christlicher Mystiker. Liebe macht uns menschlich: also freundlich, zuvorkommend, verständnisvoll, aber auch Grenzen setzend, achtsam und hilfsbereit. Willigis Jäger schreibt: „Wir sind für das verantwortlich, was wir ausstrahlen. Es geht immer etwas von uns aus: Wohlwollen, Abneigung, Hass, Mitleid, Liebe beginnt nicht beim Wort und bei der Umarmung, sie beginnt in unseren Gedanken und Gefühlen.“ Deswegen ist es hilfreich, dass du, liebe Emma, mit deinem Taufspruch in deinen Gedanken und Gefühlen die Liebe eingepflanzt hast. Wo die Liebe in Gedanken gepflegt wird, kann sie auch wachsen und reifen, stärker werden und ganz präsent sein. Wir Erwachsenen befinden uns in demselben Prozess: Wenn wir die Liebe in unseren Gedanken als höchsten Wert beachten, kommt automatisch in vielen Situationen unsere Liebe zum Vorschein. Am Ende unseres Lebens zählt nicht, wie sehr wir immer im Recht waren oder wie viel wir gewusst haben oder wie viel wir den Erben hinterlassen, sondern „wie viel wir geliebt haben“ (W.Jäger). Die Liebe bleibt, bleibt von Bedeutung. Und in deinem Taufspruch, liebe Emma, steht ja auch direkt: Der oder die Liebende bleibt in Gott und Gott in ihm oder in ihr. Also es ist eine unzertrennbare Verbindung da zwischen Gott und einer liebenden Person. Sie kann sich immer gewiss sein, dass Gott da ist.
Ich möchte dir und uns allen eine sehr niedliche Geschichte schenken, die zutiefst wahr ist, dass Gott da ist und da bleibt in deinem Leben, in unserem Leben.

„Im Garten neben dem Haus sitzt Jakob auf der Schaukel, schaukelt und murmelt vor sich hin: Ich bin da. Du bist da. Wir beide sind da.
Jakob steigt von der Schaukel herunter und hüpft auf einem Bein.
Ich bin da! Du bist da. Wir beide sind da.
Hm! - Er setzt sich an die Hauswand und probiert Stillsitzen: Und wenn ich gar nichts tu - wenn ich ganz still bin. . . Ich bin da. Du bist da. Wir beide sind da.
Jakob ist zufrieden. Es stimmt immer. Er geht wieder schaukeln. Ich bin da, du bist da.

Jakobs Vater kommt vom Büro heim : Na, da bist du ja, Jakob.
Jakob lässt sich nicht stören: Grüß dich. - Lieber Gott! Ich bin da, du bist da, wir beide sind da. 
Vater: Ist das ein neuer Auszählreim?
Jakob: Nein. Das ist etwas ganz anderes. Das ist ein Gebet, das ich gerade erfunden hab.
Vater: Ein Gebet?! 
Jakob: Weißt du, die Gebete mit den Großen im ev. Kindergarten, die waren mir zu fad. 
Immer dieselben. Und manche Sprüche passen nur zum Essen oder nur zum Aufwachen in der Früh. Ich hab ein Gebet erfunden, das immer passt. Soll ich's dir sagen?
Der Vater lehnt sich an die Hauswand: Bitte, sag's mir halt...
Jakob schaukelt weiter, aber mit einer gewissen Feierlichkeit:
Lieber Gott! Ich bin da. Du bist da. Wir beide sind da. 
Vater: Ja, und wie geht's weiter?
Jakob: Gar nicht. Das war's schon. Genügt doch, oder?
Vater: Na ja, das klingt ein bisschen ungewohnt für mich.
Jakob: Lieber Gott! Wenn ich das sage, denkt sich der liebe Gott: Aha, der Jakob ruft mich. Da muss ich ihm zuhören. - Ich bin da. - Klar, nicht? - Du bist da. - Der liebe Gott, sagt die Mutti, ist nämlich immer da, überall.
Vater: Da hat sie recht, die Mutti, natürlich.
Jakob: Na, und wenn ich da bin und der liebe Gott ist da, dann sind wir beide zusammen da - das ist doch schön, nicht? Und es stimmt überall. Beim Spielen, beim Essen, beim Trommeln, beim Bilderbuchanschauen, überall. Ich hab's ausprobiert. 
Vater: So betrachtet hast du recht, mein Sohn.
Jakob: Wenn es dir gefällt, mein Gebet, dann kannst du's haben. Ich schenk es dir.
Vater, ein bisschen verlegen: Oh, das ist - hm, danke.
Jakob: Wir können es beide sagen, dieses Gebet. Jeder, wo er gerade ist. Meinst du, es passt auch fürs Büro?
Vater: Hm - na, warum denn eigentlich nicht?
Jakob: Und im Autobus?
Vater: O ja -
Jakob: Du, Vati, ich sag dir was: Probier mein Gebet morgen aus, überall, und sag mir am Abend, ob es gestimmt hat.
Vater: Gut, wenn du das möchtest - Ich werde einen - einen Test machen.
Jakob: Weißt du noch, wie's geht?
Vater: Lieber Gott, ich bin da, du bist da, wir beide sind da!
Jakob schaukelt vergnügt. (Martin Jäggle/ Lene Mayer-Skumanz)
Ich wünsche dir, liebe Emma, und uns allen dieses Lebensgefühl: Ich bin da, du bist da, wir beide sind da!

Etwas poetischer hat Johannes vom Kreuz über das Dasein Gottes in uns Menschen geschrieben und über die Liebe, mit der wir seiner Liebe antworten können:

„Wie fühle ich dich im Schweigen des Herzens sanft sich regen,
wo du verborgen, Geist der Liebe, wohnest:
In deines Atems Steigen voll Seligkeit und Segen,
wie lieblich du mit meinem Lieben lohnest.“ (Johannes vom Kreuz)
M.a.W.: Gott ist die Liebe in uns und wir können dieser Liebe antworten, indem wir sie weitergeben. Ein Segen für andere zu sein, erfüllt uns mit Seligkeit, sagt Johannes vom Kreuz.

Es ist immer wieder einmal eine hilfreiche Selbstbesinnung, wenn wir uns fragen, ob diese Liebe zutiefst das ist, was wir wollen. Ob Gott zutiefst das ist, was wir wollen. Es ist dieselbe Frage. Und mit unserer Antwort können wir motiviert unseren Lebensweg gehen. Mal getröstet, mal begeistert. Im Herzen tragen wir dabei die Gewissheit: Ich bin da, du bist da! Amen

Foto: Helene Souza  / pixelio.de  
 
 
 
 
 
 
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