Predigt - Kreuzkirche Lüneburg

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Predigt

Gottesdienst
Letzter Sonntag nach. Epiphanias, 27.01.2019
 
Mk 4, 35 Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Wir wollen ans andere Ufer fahren!«36 Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere Boote begleiteten sie.37 Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen.38 Jesus aber schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Die Jünger weckten ihn und schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?«39 Jesus stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.40 »Warum habt ihr solche Angst?«, sagte Jesus zu seinen Jüngern. »Habt ihr immer noch keinen Glauben?«
Liebe Gemeinde,
Kinder glauben an ein Naturwunder, wenn man ihnen die Geschichte aus der Kinderbibel vorliest, wie Jesus den Sturm besänftigt auf dem See Genezareth. Als Kind habe ich geglaubt, dass Jesus dieses Wunder auf dem See tatsächlich vollbracht hat. Mit dieser Wundergeschichte und anderen Wundergeschichten wuchs in mir Vertrauen zu Jesus. Und das ist ja auch gut so! Uns Jugendliche und Erwachsene aber möchte die Wundergeschichte in ein tieferes Verständnis führen, das nicht daran hängt, ob dieses Wunder tatsächlich passiert ist oder nicht. Was will uns die Besänftigung des Sturms auf dem See sagen, wenn sie durchaus natürlich erklärt werden kann?

Ich erkläre zunächst die Besänftigung des Sturms auf natürliche Weise und spreche dann über das tiefere Verständnis, das nicht daran gebunden ist, ob ein Wunder tatsächlich passierte.

Für gewöhnlich liegt der See Genezareth ruhig und still da in seinem Talkessel. Aber "unversehens können nach warmen und freundlichen Tagen Fallwinde in das Unterdruckgebiet des Talkessels einbrechen; fast senkrecht stoßen sie dann auf die Wasseroberfläche, peitschen die Wellen hoch und machen es äußerst schwer für ein Boot, ... noch so zu manövrieren, daß es in Sicherheit kommt. Genau so rasch wie eingebrochen, vergeht indessen der Spuk, und bald schon liegt der See wieder ruhig und friedfertig da ... So oder ähnlich dürfte der äußere Hergang eines solchen Ereignisses gewesen sein, wie es Markus hier berichtet - ... ein sozusagen normales Naturereignis ... für den äußeren Betrachter." (Drewermann: Markus I, Seite 351)
So natürlich von außen betrachtet, kann uns Jugendlichen und Erwachsenen die Geschichte nichts Entscheidendes sagen, das für uns wichtig wäre. Aber wir können ein tieferes Verständnis entdecken, wenn wir die Geschichte nicht historisch interpretieren, sondern begreifen als ein Bild, eine Metapher, verstehen als eine persönliche, wichtige Glaubenswahrheit für unser Leben! Diese Glaubenswahrheit erschließt sich uns, indem wir die Worte Sturm und Meer oder Schlaf als Sprachbilder betrachten.
Das aufgewühlte Wasser des Sees Genezareth ist ein wunderbares Bild für unsere Gefühlswelt und das Unbewusste in uns. Adyashanti kommentiert: "Ich denke, jeder hat innere Zustände voller Angst und Aufgewühltsein erlebt, von Emotionen und Befürchtungen, die ihn zu überwältigen drohen". (Adyashanti: Jesus, der Zenmeister. S. 171)
Denken wir an eine Angst oder ein Aufgewühltsein am Arbeitsplatz. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein paar Angestellte arbeiten in einer Abteilung gut und verlässlich zusammen. Wegen dieser Zusammenarbeit können sie die beruflichen Aufgaben sehr gut bewältigen. In einer Mittagspause erzählt ein Kollege, dass er nur noch ein Vierteljahr da sein wird. Alle schauen ihn überrascht an, sie schweigen und dann sagt der Kollege zur Erklärung: "Ich ziehe zu meiner Freundin nach Hamburg und werde bei Hapag Lloyd arbeiten. Der Vertrag ist schon unterschrieben." Einer der überraschten Kollegen findet als erster Worte: "Das ist ja schön für dich, eine gute Lebensperspektive. Aber du wirst verstehen, dass ich jetzt nicht in die Hände klatsche und jubele. Du wirst mir... und ich spreche sicher auch im Namen der Anderen... du wirst uns sehr fehlen. Und ich mache mir Sorgen, ob es hier so harmonisch und effektiv weitergehen wird ohne dich. Gute Leute sind heutzutage sehr schwer zu finden."
Aus Lebenserfahrung wissen wir, liebe Gemeinde, dass der eine oder die andere aus diesem Kollegenkreis sich nicht nur sorgen wird, sondern Angst entwickelt oder große Befürchtungen haben wird für die zukünftige Atmosphäre am Arbeitsplatz. Aus Lebenserfahrung wissen wir: Ein einziger rechthaberischer oder eitler und selbst verliebter oder eigenbrödlerischer neuer Kollege kann die Situation in einem überschaubaren Kollegium zum Kippen bringen. Kollegen ärgern sich dann über den Neuen mehrfach in der Woche, sie werden wütend, gehen belastet oder sogar lustlos zur Arbeit. Natürlich weiß man nicht im Voraus, ob eine Neubesetzung schiefgeht oder gelingt. Aber bei manchen Menschen wirkt die vorauseilende Angst so stark, dass sie nicht mehr richtig schlafen können. Beim nächtlichen Aufwachen melden sich sofort die Befürchtungen und lassen sich nicht abstreifen. Wer so empfindet, kommt nicht mehr zur Ruhe. Er ist tosend wie das aufgewühlte Meer in unserer Jesusgeschichte. Und es gelingt ihm nicht, wie Jesus zu sagen: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein. (Mk 4)
Foto: Andreas Hermsdorf  / pixelio.de

Das tiefere Verständnis unserer Geschichte, die Glaubenswahrheit für unser Leben, gewinnen wir aus dem Verhalten Jesu im Boot. Ich schildere Jesu Verhalten zunächst und deute es auch. Dann beziehe ich die Deutung auf unser Fallbeispiel.
Obwohl die Wellen schon ins Boot schlagen, liegt Jesus im hinteren Teil des Bootes und schläft, sein Kopf ruht auf einem Kissen. In Geist und Herz empfindet er Frieden, sodass die große Gefahr ihn nicht erschüttert, in der das Boot sich befindet. Er trägt eine friedvolle Festigkeit und Dankbarkeit in sich, dass Gott jederzeit bei ihm und in ihm ist. Darum fürchtet er kein Unglück, auch nicht den Tod. Diese friedvolle Festigkeit und Dankbarkeit ist schon in Psalm 23 beschrieben, Vers 4: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." Diese friedvolle Festigkeit und Dankbarkeit ist für Jesus ein "Grund unterhalb des Abgrundes", schreibt  Drewermann (Drewermann: Markus I, Seite 357).
Die Person in unserem Fallbeispiel mit großen Befürchtungen, wie die Situation am Arbeitsplatz eskalieren wird durch eine Neubesetzung, könnte von Jesu Beispiel lernen. Und wir könnten es auch. Vielleicht kennen wir sogar schwerwiegendere Belastungen als die Person in unserem Fallbeispiel. Diese schweren Belastungen mögen gesundheitlicher Art sein. Ich denke etwa an die Auswirkungen eines Schlaganfalls oder die Lebensverunsicherung nach einem Herzinfarkt oder nach einer Krebsdiagnose oder dass jemand 24 Stunden lang Schmerzen hat und die Medikamentierung die Schmerzen nur eindämmen kann, aber nicht aufheben. Solche Schmerzen können einen zermürben. Alle diese Beispiele spiegeln heftige Lebensstürme wider. Eugen Drewermann schreibt seinen Lesern des Kommentares zum Markusevangelium:..."zu lernen, wie man innerlich mitten im 'Sturm' zum Frieden gelangt, dies ist es allein, worauf es in unserem Leben wesentlich ankommt. Es gilt, die Barke unseres Lebens tiefer zu verankern und auf den Punkt zu vertrauen, an dem unterhalb der aufgewühlten See … ein fester Boden uns Halt gibt, abgründiger noch als der Abgrund[1]. Es kommt darauf an, jenseits der Zone der psychischen Angst den Ort zu erreichen, an dem der Sturm sich beruhigt und wir dem Wind und den Wellen 'gebieten'. Es entscheidet über die Art unserer Empfindungen, unserer Wahrnehmungen, unseres gesamten psychischen Erlebens, ob es einen solchen Grund unterhalb des Abgrundes in unserem Leben gibt oder nicht." (Drewermann: Markus I, ebd)
Die Person in unserem Fallbeispiel müsste sich für das Bewusstsein öffnen, dass im Vertrauen zu Gott solch ein Grund unterhalb des Abgrundes zu finden ist. Aber dieses Bewusstsein ist nicht mit einem Fingerschippen zu haben, wenn die Wellen des Lebens hochschlagen. Ich höre immer wieder in Gesprächen, wenn Menschen mir von ihren schweren Belastungen berichten: Sie haben sich ihren Frieden des Herzens in Gott nicht rauben lassen, weil sie eingeübt hatten, dankbar Momente zu sehen, mit denen das Leben sie beschenkt: der herrliche Duft und Geschmack frisch gerösteten Toats am frühen Morgen. Das freundliche Wort einer Krankenschwester nach dem Aufwachen aus einer Narkose. Sie, liebe Gemeinde, könnten jetzt sehr wahrscheinlich viele kleine Beispiele aus Ihrem Leben erzählen. Momente, in denen Sie sich beschenkt fühlten, obwohl vielleicht das Leben nicht mehr so ist wie es einmal war. Sie haben aber diese Momente nicht von Gott losgelöst. Darum erklärt Eugen Drewermann: "... was uns rettet und uns leben läßt, ist Tag für Tag der stille Glaube an die ständige Gegenwart Gottes, der den Sturm beruhigt und unser Schiff dem anderen Ufer näherbringt."(Drewermann: Markus I, Seite 359).
Und auf das Ende unseres Lebens geschaut: Selbst der Tod gehört zum anderen Ufer und wir können an diesem Ufer immer noch erfahren: du, Gott, in mir und ich in dir.
Kehren wir am Schluss noch einmal zum schlafenden Jesus zurück. Der Schlaf ist auch ein Bild, eine Metapher. Man sagt ja: Der Tod ist Schlafes Bruder. Wenn wir jetzt das Sterben im bildhaften Sinn interpretieren und auf unser Leben beziehen, dann fällt mir Jesu Wort ein: Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. Wer sein Leben hasst (nicht festklammert), der wird es finden.  Oder nehmen wir Jesu Wort, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen sollen. Beide Aussagen Jesu meinen: Gib deine Ichbezogenheit auf, stelle deine Gier zurück, lass deine Erwartungen los, dass du glücklich werden musst oder Recht haben willst oder erfolgreich sein sollst. Stattdessen lass dir den Frieden und die Dankbarkeit schenken, dass Gott in dir ist und du in ihm. Dann können auch Lebensstürme tosen und Wellen hochschlagen, aber in deinem Herzen hast du Frieden. Es ist interessant, dass Buddha es ähnlich sah. Er sprach davon: Hafte an nichts an, an keiner Gier oder Erwartung. Dann bist du frei. In diesem Sinne ist Jesus frei und er kann schlafen im Boot, auch wenn Gefahr aufzieht mit Sturm und Wellen. Auf ihn zu schauen und von ihm zu lernen, kann auch uns immer freier machen. Kann uns immer mehr vertrauen lassen auf die ständige Gegenwart Gottes in unserem Leben. Dass wir jederzeit im Herzen tragen: du, Gott, in mir und ich in dir. Amen
 


[1]    Mit Satzumstellung
 
 
 
 
 
 
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